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Sozialistische Beiträge zur Nationalitätenfrage in Tirol und Südtirol 1890–1992
gat-Abkommens) im Vergleich zu landesüblichen Festivitäten einen verhält-
nismäßig unauffälligen Rahmen106.
Neben der Theorielastigkeit und dem teilweisen Scheitern sozialisti-
scher Nationalitätenpolitik in der Praxis ist es letztlich auch das erwähnte
auffallend geringe Ausmaß an Würdigung der Erfolge, das zum raschen Ver-
blassen sozialistischer Nationalitätenpolitik im kollektiven Regionalgedächt-
nis Tirols und Südtirols beigetragen hat. Der sozialistischen Arbeiterbewe-
gung ist es in Summe über den gesamten Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts
weder in Tirol, noch in Südtirol und im Trentino gelungen, die Themenfüh-
rerschaft in der Nationalitätenpolitik zu übernehmen. Das Hinterherhinken
ergab sich zum einen aufgrund der Tatsache, dass sich die sozialistischen
Forderungen nach Selbstbestimmung, Autonomie und Zusammenschluss
mit Deutschland (für das Trentino mit Italien) zwar nicht hinsichtlich ihres
ideologischen Fundaments, aber doch hinsichtlich ihrer Zielsetzung weitge-
hend mit den wesentlich breiter kommunizierten Forderungen nationalisti-
scher wie konservativer Konkurrenzparteien deckten, wobei es durchwegs
konservative Politiker (Abtretung des Trentino an Italien, Gruber-De Gaspe-
ri-Abkommen, Zweites Autonomiestatut für Südtirol) oder die Nationalso-
zialisten (Zusammenschluss Österreichs mit Deutschland) waren, die diese
Konzepte in die Tat umsetzten. Zum anderen wurde die Themenführerschaft
von den Tiroler Eliten auch bewusst (und letztlich erfolgreich) gegen die so-
zialistische Arbeiterbewegung verteidigt, als sich mit Bruno Kreiskys diplo-
matischen Erfolgen in der Südtirolpolitik erstmals ein möglicher Wechsel der
Themenführerschaft zugunsten der Sozialdemokratie abzeichnete, der letz-
ten Endes nicht erfolgte. So blieb praktizierte Nationalitätenpolitik in Tirol
und Südtirol – zwar nicht faktisch, aber jedenfalls in der öffentlichen Wahr-
nehmung weitestgehend gänzlich – faschistisch, nationalsozialistisch und
national-konservativ konnotiert107.
106 Zum Symposium über Bruno Kreiskys Engagement in der Südtirolfrage siehe Bruno
Kreisky und die Südtirolfrage: Akten des Internationalen Kolloquiums aus Anlass seines
25-jährigen Todestages, hrsg. von Gustav Pfeifer, Maria Steiner (Bozen 2016).
107 Vgl. hierzu die Tagungsbeiträge zum zehnjährigen Jubiläum der Streitbeilegung zwi-
schen Italien und Österreich. 1992: Ende eines Streits. Zehn Jahre Streitbeilegung im Süd-
tirolkonflikt zwischen Italien und Österreich, hrsg. von Siglinde Clementi und Jens Woelk
(Baden-Baden 2003).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918