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Was wusste Bruno Kreisky?
5. Außer Kontrolle
Zu diesem Zeitpunkt war aber längst eine Gewaltspirale in Gang geraten.
Zwar waren von ehemals rund 200 BAS-Leuten nur mehr Dutzend aktiver
Attentäter übriggeblieben. Aber die Folter, der Freispruch von dafür ver-
antwortlichen Carabinieri (1963) und die allgemeine Repression in Südtirol
hatten den BAS radikalisiert. Dieser bestand zum besagten Zeitpunkt aus
einem Sammelsurium unterschiedlicher Kleingruppen: Im Osten Südtirols
schlugen die „Pusterer Buam“ zu sowie jene BAS-Zellen, die noch nicht auf-
geflogen waren. Luis Amplatz konzentrierte sich auf Bozen, Jörg Klotz war im
Passeiertal aktiv122. Zu den personell ausgedünnten BAS-Aktivisten stießen
immer mehr neonazistische und pangermanistische Elemente, die vor allem
den Direktiven Burgers folgten. Dieser war bereits 1961 beim Vorbereitungs-
treffen für die Feuernacht dabei gewesen und organisierte später von der
BRD aus illegale Aktionen in Südtirol und in italienischen Städten, die be-
wusste zivile Opfer in Kauf nahmen123. Zwischen 1964 und 1967 kamen zu
den sporadischen Mastensprengungen und Feuergefechten gezielte Angriffe
mit Minenfallen hinzu. Der BAS-Terror wurde auch bewusst überregional
ausgedehnt: Es gab Anschläge gegen die Bahnhöfe von Trient und Verona
(1962), Kofferbombenattentate gegen Fernzüge (1964) sowie Anschläge mit
Molotowcocktails in Rom, Rimini, Monza, Verona, Rovereto und Trient (1961),
die von Anhängern Burgers begangen wurden124. Das rief eine entsprechende
Gegenreaktion hervor und in dem so entfesselten Schattenkrieg geriet der
BAS ins Hintertreffen. Verfügten die italienischen Nachrichtendienste an-
fänglich nur über wenig Wissen über den BAS, änderte sich das Bild in der
zweiten Hälfte der 1960er Jahre grundlegend, so Franceschini: „1969/70 war
der BAS von Spitzeln und Zuträgern der italienischen Nachrichtendienste nur
so durchsetzt“.125 Darüber hinaus verübten italienische Neofaschisten mit
Geheimdienstverbindungen Vergeltungsschläge: 1961 wurden die Andreas
Hofer-Denkmäler in Mantua und auf dem Berg Isel gesprengt. Kurz nach 6
122 Peterlini, Bombenjahre 219.
123 Christoph, Feuernächte und Folterknechte, profil 20 (2011) 34–41, 37.
124 Peterlini, Bombenjahre 378 ff.
125 Christoph Franceschini, Spielwiese der Geheimdienste. Südtirol in den 60er Jah-
ren, in: Im Schatten der Geheimdienste. Südtirol 1918 bis zur Gegenwart, hrsg. von Gerald
Steinacher (Innsbruck 2003) 187–228, hier 224.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918