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Was wusste Bruno Kreisky?
für ‚verrückt‘, wie er intern meinte“, so Steininger162. Kreisky ging sogar auf
Fundamental-Opposition zum Südtirol-Kurs der Regierung Klaus. Dieser
hatte in seiner Regierungserklärung die Südtirolfrage als zweitwichtigstes
Anliegen der österreichischen Außenpolitik bezeichnet163. Die entscheiden-
den Verhandlungen fanden nun inneritalienisch zwischen SVP-Obmann Sil-
vius Magnago (1914–2010) und Premierminister Aldo Moro statt – ganz ohne
Störfeuer durch Attentate. Am 23. November 1969 erfolgte der Durchbruch.
Sieben Tage darauf einigten sich Österreich und Italien auf den „Operations-
kalender“ als Fahrplan zur Umsetzung der Bestimmungen164. Am 8. Dezem-
ber 1969 zog die Regierung in Rom das EWG-Veto zurück. Das Autonomie-
statut wurde am schließlich am 10. November 1971 beschlossen und trat am
20. Jänner 1972 in Kraft. Es sollte bis 1992 dauern, ehe Österreich und Italien
der UNO eine Streitbeilegungserklärung präsentierten165.
6. Schluss
Um abschließend zur Eingangsfrage zurückzukehren: Was wusste Kreisky?
Der Außenminister zählte vor dem Losschlagen des BAS zu den wohl bestin-
formierten Verantwortungsträgern in Österreich. Kreisky kannte zwar nicht
alle Details, hatte aber über die Staatspolizei Zugang zu den Interna der Or-
ganisation und diverse Mittelsmänner hielten ihn auf den Laufenden. Er traf
sich mehrmals persönlich mit der BAS-Führungsriege. Die entscheidende
Zusammenkunft mit Kerschbaumer im November 1960 fand sogar zu einem
Zeitpunkt statt, wo man noch hätte Einhalt gebieten können, wenn Kreisky
die Anschläge dezidiert nicht gewünscht hätte. Aber dazu kam es nicht und
kurze Zeit später erfolgte das erste BAS-Attentat. Gleichzeitig ist es wichtig,
festzuhalten, dass Kreisky nicht alleinverantwortlich war. Österreich war in
operationeller, logistischer und politischer Hinsicht das „Hinterland“ für den
BAS, um Terroranschläge in einem Nachbarland zu begehen. Ohne diese subs-
tanzielle Starthilfe hätte es den BAS in dieser Form vielleicht nie gegeben.
162 Steininger, Bruno Kreisky und die Südtirolfrage, in: Dolomiten, 22./23.1.2011.
163 Gehler, Menschenleben 238.
164 Mosser, Schuöcker, Jelinek, Feuernacht 208 ff.
165 Schmidl, Duschen aus der Dose, in: Die Presse, 26.10.2007.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918