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Luciano Monzali
des Ministerpräsidenten und des Ministers in Österreich sowie auch in aller
Deutlichkeit und Offenheit im Rahmen der berühmten Veranstaltung in Inns-
bruck, die anlässlich des Tiroler Gedenkjahres stattfand. Wenn der politische
Konflikt in Zusammenhang mit dem Selbstbestimmungsprinzip offen gelas-
sen wird, wie es die Österreicher angeblich zu tun gedenken, könnte dies –
wenn auch nicht in naher Zukunft – besonders gefährlich sein, weil gewisse
Erwartungen bei der Südtiroler Bevölkerung entstehen könnten, die – wenn
unerfüllt, was bestimmt der Fall sein wird – erneut zu Spannungen zwischen
dieser ethnischen Minderheit und dem italienischen Staat führen könnten.36
In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre zeigten die Italiener trotz der Zweifel
des Botschafters Nisio eine noch größere Bereitschaft, die Kontroverse mit
Österreich in der Südtirolfrage so schnell wie möglich zu bereinigen37. Die
italienische Führung, nunmehr der wohlwollenden Absichten Wiens sicher,
war sogar für eine Annährung Österreichs an die EWG und seinen eventuel-
len Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft38. Im Hinblick auf eine Entspan-
nung und Förderung der zwischenstaatlichen Verhältnisse zwischen Rom
und Wien wurde beschlossen, Botschafter Nisio durch Alessandro Quaroni
zu ersetzen. Mit einer Österreicherin verheiratet, war dieser bereits in den
1960er-Jahren Konsul in Innsbruck gewesen. Er galt als profunder Kenner der
Sprache sowie Kultur des Landes und war auch als Stellvertreter des General-
sekretärs Ruggiero tätig gewesen. Dieser schlug ihm im Einvernehmen mit
Andreotti die Stelle in Wien vor, um eben die Beziehungen mit Österreich zu
verbessern und zu festigen. Quaroni gelang es bravourös, ein auf Vertrauen
und Zusammenarbeit basierendes Verhältnis mit den österreichischen Poli-
tikern und Diplomaten, insbesondere mit Minister Alois Mock und seinem
36 ILS, AA, Austria, b. 791, Ambasciata italiana a Vienna, Anmerkung. Südtirol-Frage,
ohne Datum (aber Mai 1985, Übers. d. Verf.). Für eine genauere Rekonstruktion der Ereig-
nisse bei der Innsbrucker Veranstaltung siehe Monzali, Giulio Andreotti e le relazioni italo–
austriache 1972–1992 46 ff.
37 Siehe dazu ILS, AA, Trentino-Alto Adige, b. 17, Andreotti an Magnago, 10. November
1986; ebd., Andreotti an Craxi, 10. November 1986.
38 Für eine Analyse der Südtirolfrage siehe Michael Gehler, Vollendung der Bilaterali-
sierung als diplomatisch–juristisches Kunststück: Die Streitbeilegungserklärung zwischen
Italien und Österreich 1992, in: Ende eines Streits. Zehn Jahre Streitbeilegung im Südtirol-
konflikt zwischen Italien und Österreich 1992, hrsg. von Siglinde Clementi, Jens Woelk (Ba-
den-Baden 2003) 18–81, insbesondere 28 ff.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918