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Giulio Andreotti, die Südtirolfrage und Österreich (1972–1992)
dern auch Magnago nahelegte, das Paket zu verwirklichen und die Südtirol-
frage schnellstmöglich einem Ende zuzuführen62.
Im Jänner fanden zwischen Rom, Bozen und Wien intensive Verhand-
lungen statt, um eine politische Lösung zu finden und das Paket sowie die
Frage einer internationalen Verankerung abzuschließen. In dieser Hinsicht
besonders engagiert waren Alcide Berloffa, Andreottis Vertrauensmann in
der Südtirolfrage, und Ludwig Steiner63. Der österreichische Außenminister
war sehr daran interessiert, die Südtirol-Kontroverse beizulegen und die Be-
ziehungen mit Rom zu verbessern.
In einem an Andreotti und De Michelis gerichteten Vermerk vom 22.
Jänner 1992 prüfte Bottai, der Generalsekretär der Farnesina, die Aussich-
ten, die Südtirolfrage bis zum Ende der Legislaturperiode abzuschließen
(für April waren italienische Parlamentswahlen angesetzt)64. Nach Ansicht
Bottais waren noch zwei Hindernisse zu bewältigen: eine allgemein gültige
Durchführungsbestimmung, um einigen Forderungen der SVP nachzukom-
men, das heißt gewisse Kompetenzen wiederherzustellen, die der Provinz
erklärtermaßen durch gewöhnliche Gesetze oder Entscheidungen des Ver-
fassungsgerichts entzogen worden waren, und die Forderung des Senators
und Vorsitzenden der SVP Riz, in der Streitbeilegung eine internationale Ver-
ankerung des Pakets festzuschreiben, wie das der Parteikongress als Bedin-
gung beschlossen hatte. Über diesen letzten Punkt stand er sowohl innerhalb
seiner Partei als auch gegenüber Wien unter großem Druck.
Während ein Kompromiss hinsichtlich des ersten Punktes leicht zu
erzielen war, gestaltete sich der zweite Punkt äußerst problematisch. In lan-
gen Diskussionen mit italienischen Beamten hatte Riz gefordert, dass dem
an Österreich zu übermittelnden Text das Protokoll der Parlamentssitzung
angefügt werden sollte, in welcher der italienische Ministerpräsident die Er-
füllung des Pakets ankündigte. Außerdem sollte auch eine Kopie des Auto-
62 Am 5. Dezember 1991 teilte Alcide Berloffa Andreotti mit, dass „Riz aufgefordert wur-
de, – insbesondere und ausdrücklich von Magnago – seiner Verpflichtung nachzukommen
und die ,Streitbeilegung‘ nicht weiter aufzuschieben“: ILS, AA, Trentino-Alto Adige, b. 21,
Alcide Berloffa, Anmerkung für den Ministerpräsidenten, 5. Dezember 1991.
63 Siehe dazu das von Steiner abgelegte Zeugnis: Steiner, Diplomatie–Politik. Ein Leben
für die Einheit Tirols 204–243.
64 ILS, AA, Trentino-Alto Adige, b. 21, Bruno Bottai, Anmerkung für den Ministerpräsi-
denten, 22. Jänner 1992.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918