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Hans Heiss
des von dem Tiroler Florian Pedarnig komponierten Marsches „Dem Land
Tirol die Treue“, der längst den Status eines Gassenhauers erlangt hat und in
den letzten Jahren als patriotische Hymne gerne zum Besten gegeben wird,
leistete sich Siegerin Venier einen argen Fauxpas. Sie fügte der Liedzeile „Ein
harter Kampf hat Dich entzwei geschlagen, von Dir gerissen wurde Südtirol“,
frohgemut den blasphemischen Passus „Gott sei Dank“ hinzu, wie auf you-
tube augenblicklich nachzuhören2. Dem landespatriotisch wenig erbaulichen
Übermut der Siegerin folgte stante pede der landesübliche Shitstorm im Netz.
Der kleine, vom sportlichen Triumph befeuerte Übergriff der Siegerin
war kein individueller Ausrutscher: Die blasphemische Lied-Variante wäh-
rend der Feierstunde ist ein im Bundesland Tirol mitunter nicht ungern ab-
gesungener Zusatz. Er ist nicht nur Provokation, sondern signalisiert auch
untergründige Friktionen zwischen den Ländern nördlich und südlich des
Brenners. Denn im Bundesland Tirol ist die Erleichterung darüber, dass man
in Folge der Landesteilung von den „reichen Brüdern“ im Süden getrennt
sei, oft genug spürbar. Aber auch aus umgekehrter Richtung, von Südtirol
Richtung Norden, ist die Optik auf das Bundesland Tirol verengt: Es gilt als
Einkaufparadies, ist beliebt als Standort der Universitätsklinik und der von
jungen Südtirolern viel besuchten Universität Innsbruck, aber seine Politik,
Gesellschaft und Lebensverhältnisse sind den meisten Menschen südlich des
Brenners im Grunde gleichgültig. Erst recht gilt dies für das Trentino, die
Provincia di Trento südlich der Salurner Klause: Sie ist den meisten Südtirolern
und Tirolern kaum bekannt, bis auf die Bewohner des Südtiroler Unterlands,
die manche Verbindungen pflegen. Auch die in Italien hoch quotierte Uni-
versität Trient wird von jungen Südtirolern gerne frequentiert, mit solchen
Kontaktpunkten ist aber auch die Nord-Süd-Beziehung auf Alltagsebene bei-
nahe ausgeschöpft. Aus umgekehrter Richtung, aus dem Trentino, richtet
sich manch bewundernder Blick nach Norden, da etwa die Stabilität des poli-
tischen Systems in Tirol und Südtirol, die Effizienz und Leistungskraft man-
cher Institutionen und die wirtschaftlichen Erfolge mit Anerkennung und
ein wenig Neid bedacht werden. Zudem ist das Streben nach verstärkten und
stabilen Verbindungen mit Tirol und Südtirol auch aus dem Grund ausge-
2 Hierzu Vorfall und Kommentar: Südtirol weg – Gott sei Dank?, in: https://salto.bz/de/
article/14022017/suedtirol-weg-gott-sei-dank
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918