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Die Euregio Tirol-Südtirol-Trentino
offiziell beigelegt12, buchstäblich im letzten Moment und zu einem für Italien
problematischen Zeitpunkt, da seit dem Frühjahr 1992 das Parteiensystem
unter dem Anprall der Korrruptionsaffäre Mani pulite implodiert war13. Die
Regierung Andreotti, die den Abschluss betrieb, stand im Frühjahr 1992 un-
mittelbar vor dem Abgang und stellte entscheidende Weichen in der Südtirol-
frage. Sie tat dies buchstäblich bereits auf gepackten Koffern, da sie im April
1992 zurücktrat. Jede andere Regierung – so die hohe Wahrscheinlichkeit –
hätte einen Abschluss verzögert.
Der Streitbeilegungserklärung zwischen Italien und Österreich in der
Südtirolfrage im Juni 1992 und dem EU-Beitritt Österreichs zu Jahresbeginn
1995 folgte eine neue Gunstphase bilateraler Beziehungen. Zum selben Zeit-
punkt wertete auf EU-Ebene der Vertrag von Maastricht die Rolle der Regio-
nen neu auf14, sodass die Positionen Südtirols, Tirols, aber auch des Trentino
im bilateralen Verhältnis Österreich-Italien und im europäischen Kontext
gestärkt erschienen, zumal das interregionale Verhältnis, von Altlasten be-
freit, auf neue Grundlagen gestellt wurde. Dies galt auch für die Beziehungen
beider Länder zum Trentino, das aus Südtiroler Sicht bis dahin primär als
Bedrohung der eigenen Autonomie und „Wachhund Roms“ wahrgenommen
worden war, zeitweilig gewiss nicht zu Unrecht.
Unter den neuen Bedingungen der Entspannung zwischen Italien und
Österreich wie unter dem Eindruck des EG-Beitritts der Republik war die
interregionale Zusammenarbeit eine wichtige Option, die neben den spezi-
fisch bilateralen bzw. regionalen Bedingungen auch durch die Fortschritte
der europäischen Einigung gefördert wurde: Das Maastricht-Abkommen
von 1992 stärkte die regionale Subsidiarität, etwa durch den 1993 errichteten
„Ausschuss der Regionen“ (AdR) und regte Regionen zum Auf- und Ausbau
ihrer Kooperation an. Die realen Kompetenzen von Organen wie des AdR
blieben zwar schwach ausgebildet, aber zumindest formell galten die Regio-
nen als Akteure der Zukunft.
12 Vgl. 1992: Ende eines Streits. Zehn Jahre Streitbeilegung im Südtirolkonflikt zwischen
Italien und Österreich, hrsg. von Siglinde Clementi, Jens Woelk (Baden-Baden 2003).
13 Vgl. Andrea Di Michele, Storia dell’Italia repubblicana 1948-2008 (Milano 2008) 339–351.
14 Michael Gehler, Europa. Ideen*Institutionen*Vereinigung*Zusammenhalt (Reinbek
32018) 373–376.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918