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Die Euregio Tirol-Südtirol-Trentino
wirken vorab von Tirol und Südtirol engagierten Landeshauptmann Wein-
gartner (1993–2002) stand der primär auf Autonomie und Selbstentfaltung
Südtirols bedachte Luis Durnwalder (1989–2014) gegenüber, der zudem zu
Tirol begrenzte Affinität hatte. Er hatte das Studium in Wien 1961–1965 ab-
solviert, was seine Bindung an Tirol ebenso abschwächte wie sein explosiver
Gestaltungsdrang. Da Durnwalder vor allem im Zeitraum 1996–2008 stark
auf Südtirols Eigenständigkeit bedacht war, galt ihm und seiner Regierung
die Verbindung nach Norden, erst recht nicht nach Süden, nicht wirklich als
Herzensanliegen. Entfesselung der Wirtschaft, offene Rahmenbedingungen
für den Primär- und Tertiärsektor, Ausbau von Infrastrukturen und gebaute
Symbolpolitik waren die Markenkerne der Ära Durnwalder; die Europare-
gion lag hingegen im hinteren Feld.
Als Element innerer Kohäsion und äußerer Abgrenzung war die ERT
auf diese Weise eine dankbare Arena mit geringem Risiko für die Landes-
politik in Innsbruck, Bozen und Trient. Obwohl vielen Vertretern politischer
Parteien wie auch wichtiger Verbände die Verbundenheit gewiss ein echtes
Anliegen war, um Elemente der Zusammengehörigkeit zu pflegen, war aber
auch der instrumentelle Charakter grenzüberschreitender Kooperation un-
übersehbar. Über die Diskurs- und Diskussionsfigur „Europaregion“ lie-
ßen sich regionalpolitische Themen ebenso ins Bild setzen wie Beziehungen
gegenüber dem jeweiligen Nationalstaat markieren. Zudem erwies sich das
grundsätzlich regionale Thema auch als europapolitisches Tonikum, um die
Landespolitik mit einen europäischen Nimbus zu umgeben.
Bestehende Fundamente der Gemeinsamkeit und Differenzen vor der
Euregio-Annäherung unterhalb der Ebene offizieller Euregio-Politik, der
glaubwürdigen Bekundungen wie der unvermeidlichen Rhetorik traten die
jeweiligen Interessen in vielen Bereichen aber auch verstärkt auseinander,
wie sich um das Jahr 2000 deutlich zeigte.
Gewiss bestanden zwischen Tirol und Südtirol seit 1945 stets wichtige,
auch wachsende Verbindungen, die sich über die Jahrzehnte der Landestei-
lung hinweg kontinuierlich erhalten hatten. Neben persönlichen oder ver-
wandtschaftlichen Beziehungen und wirtschaftlichen Verflechtungen hatte
das bereits das sogenannte Accordino von 1949, das bereits im Pariser Abkom-
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918