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Die Euregio Tirol-Südtirol-Trentino
Dennoch blieb die Ebene informeller Zusammenarbeit in der ERT, zumal im
Rahmen der alle zwei Jahre stattfindenden „Dreierlandtage“ von beschränk-
ter Wirkung. Die von der italienischen Rechten und Zentralisten in Wien und
Rom befürchtete „ethnoregionale Schlagseite“ eines pantirolismo blieb auf die-
sen weitgehend „zahnlosen“ Gremien aus41, wenn etwa auf den Dreierlandta-
gen in Meran (2005), Innsbruck (2007) oder Mezzocorona (2009) gemeinsame
Entschließungen im Eiltempo dutzendweise verabschiedet wurden. Die Be-
schlüsse waren zwar oft gehaltvoll und von guten Absichten begleitet, ihre
Umsetzung ließ aber zu wünschen übrig, sodass solchen „Elefantenhochzei-
ten“ vor allem atmosphärische und kommunikative Wirkung zukam.
Die Entwicklung der Europa-Region erweist so immer wieder die ge-
wohnten Schwankungen zwischen Symbolpolitik, tagesaktueller Instrumen-
talisierung und wirkungsvollen Auftritten als Plattform der Bilateralisierung
zwischen Österreich und Italien.
Eine wesentliche Rolle spielt dabei der Wechsel der Landesspitzen, wo
in Tirol die Kontinuität von Landeshauptmann Günther Platter (seit 2008) an-
hält, während in Südtirol der neue Landeschef Arno Kompatscher (ab 2014)
die euregionale Ebene im Vergleich zu seinem Vorgänger mit größerer Ent-
schiedenheit und strategischen Perspektiven bespielt. Die Trientiner Präsenz
blieb konstant engagiert, da das Interesse an euregionaler Verankerung Ge-
genhalt gegen Zentralisierungstendenzen in Italien bot.
Dass die Euregio eine gewichtige Stimme auf europäischer und bi-
lateraler Ebene spielen konnte, zeigte sich anlässlich der ab Herbst 2015 ein-
setzenden Flüchtlingskrise, die die Beziehungen zwischen Italien und Öster-
reich in spürbarem Maß belastete42.
Da aus Italien zunehmend starke Flüchtlingsbewegungen über den
Brenner ausgriffen und im Winter 2015/16 die Aufnahmekapazitäten der Re-
publik und des Bundeslands Tirol stark in Anspruch nahmen, wurde ab Mit-
te Februar 2016 von Seite der Wiener Regierung die Schließung des Brenner-
grenze ins Auge gefasst43. Ein solcher Schritt aber hätte nicht nur die durch
41 Vgl. Werth, Raum – Region – Tirol 239–243.
42 Aus zahllosen Zeitungsberichten hier nur: Ulrich Ladurner, Endet hier Europa?, in:
Die Zeit (6.4.2016) 3.
43 Andrea Nicastro, Austria, una barriera al Brennero, in: Corriere della Sera (12.4.2016)
8.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918