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III. Der sowjetische Besatzungsapparat: Struktur und
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Österreich“, wobei die gezielt gesetzten Anführungszeichen die vehemente
Ablehnung des Marshallplans von sowjetischer Seite unterstrichen.556
Wie bereits erwähnt, fühlte sich der Direktor eines SMV-Erdölfeldes, Alek-
sandr Kozlov, im April 1953 bemüßigt, Chruščev auf personelle und struktu-
relle Schwierigkeiten bei der SMV hinzuweisen. Nach einer Reorganisation
der Sowjetischen Erdölverwaltung in Österreich wäre der Büroapparat be-
achtlich vergrößert worden, während sich die Arbeitsbedingungen vor Ort
sogar noch verschlechtert hätten. Auch er wies auf eine zunehmende Unter-
wanderung der Betriebe mit „antisowjetischen Personen“ hin. Neben dem
sowjetischen Mitarbeiterstab wurde nämlich, so Kozlov, „der Apparat der
örtlichen (österreichischen) Arbeiter maßgeblich vergrößert, und für irgend-
welche feindlich eingestellten Menschen ergab sich die große Chance, im Ap-
parat der Sowjetischen Erdölverwaltung Arbeit zu finden“. Er zog folgendes
Fazit: „Solch eine Maßnahme stärkt nicht die Wachsamkeit unter den Bedin-
gungen einer kapitalistischen Umgebung, sondern schwächt sie.“557
Bemerkenswert ist Kozlovs versteckter Hinweis auf die systemimmanen-
te Obrigkeitshörigkeit seiner Kollegen. Sie erlaubten sich keinerlei Kritik,
obwohl die aktuelle Entwicklung in Österreich „auf keinste Weise den Be-
schlüssen der XIX. Parteisitzung entsprechen“ würde. „Viele Genossen, die
diese Meinung teilen, können sich nicht entschließen, diese Frage zu stellen,
weil die Reorganisation [der SMV] durch die entsprechenden Beschlüsse der
Regierung bestätigt wurde.“ Er hingegen sah es „als seine Pflicht“, Chruščev
um die notwendigen Anweisungen hinsichtlich einer Neubeurteilung der
Struktur der SMV gemäß den jüngsten Regierungsbeschlüssen über wirt-
schaftliche Einsparungen, engere Kooperationen zwischen der Verwaltung
und den Betrieben und schließlich über „die Stärkung der Wachsamkeit“ zu
ersuchen. Konkret schlug Kozlov für den gesamten sowjetischen Wirtschafts-
komplex in Österreich einen strafferen, mit den nötigen Kompetenzen ausge-
statteten Verwaltungsapparat und die Liquidierung der zwischengeschalte-
ten, unnötigen Zweigverwaltungen vor. Die Umstrukturierung wäre wegen
der „schweren finanziellen Lage“ und der drohenden Stilllegung der SMV-
Betriebe dringend notwendig, welche nicht nur „wirtschaftlichen, sondern
auch politischen Schaden [für] unsere Heimat“ bedeuten würde.558 Generell
war zu diesem Zeitpunkt schon längst zu bemerken, dass beim sowjetischen
Wirtschaftsimperium in Österreich vieles im Argen lag. Der Riese wankte.
556 RGANI, F. 5, op. 28, d. 70, S. 90–121, hier: S. 121, Bericht des Leiters der Wirtschaftsabteilung der
SČSK, V. Smirnov, über die Arbeit der Wirtschaftsabteilung der SČSK im 1. Quartal 1953, 14.4.1953.
557 RGANI, F. 5, op. 30, d. 34, S. 20–22, Bericht von A. P. Kozlov an Chruščev über Probleme bei der
SMV, 21.4.1953.
558 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918