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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung342
heit versetzt.108 Diese Regelung lässt freilich die Berichterstattung mancher
der Politoffiziere über die Disziplin und den politisch-moralischen Zustand
in ihrem Zuständigkeitsbereich in einem besonderen Licht erscheinen. Denn
eine schlechte Moral unter den Soldaten fiel auch auf die politischen Offiziere
selbst zurück, da sie diese offenbar nicht überzeugend genug geschult hatten.
Ein offensichtliches Versagen in diesem Bereich konnte zu einem Karriereein-
bruch führen. Allein deshalb sind auch ihre Berichte mit Vorsicht zu genießen.
Wenig überraschend ortete man bereits kurz nach Kriegsende beträcht-
liche Mängel in den vorgelegten Berichten: „Die durch das Vordringen der
Truppen in außersowjetisches Territorium veränderte Lage, der Einfluss die-
ses Umstandes auf den politisch-moralischen Zustand und die Kampfkraft
der Einheiten fanden insgesamt nicht den notwendigen Niederschlag in den
Meldungen und Quartalsberichten“,109 lautete die sperrige Kritik. Häufig
würden heikle Fragen tabuisiert oder schlichtweg vertuscht, kritische Analy-
sen der Fehler und Lücken in der politischen Arbeit unterlassen sowie kon-
krete Maßnahmen zur Beseitigung der Mängel verschwiegen werden. Einige
der Politabteilungen hätten ihre Vorgesetzten „schlecht und nicht operativ“
über neue Vorfälle im Leben der Soldaten informiert. Besonders schwerwie-
gend war der Vorwurf, die Politoffiziere würden ihrerseits vielfach nur sehr
spät von negativen Vorfällen erfahren, da sie mit den Soldaten und vor al-
lem auch mit den Kommunisten und Komsomolzen unter ihnen einen zu ge-
ringen Kontakt pflegten. Außerdem würden sie nicht schnell und „politisch
scharf“ genug darauf reagieren.110
Man erinnerte die Leiter der Politabteilungen daran, bei „außerordent-
lichen Vorfällen“ die entsprechenden Berichte gemäß den Vorgaben des
NKO-Befehls Nr. 203 vom 13. Oktober 1944 zu gestalten. Dabei mussten
folgende Punkte behandelt werden: „a) der Charakter des Vorfalls, b) seine
Umstände, c) die Gründe, d) die Folgen, e) die Schuldigen, f) die ergriffenen
Maßnahmen“.111
Der Verdacht liegt auf der Hand, dass die Politoffiziere – wenn möglich
– überhaupt keine Kenntnis von Vergehen erlangten oder diese selbst zum
Teil vertuschten. Letztlich traf ein gewisser Teil der Schuld der Vergehen an-
108 Jurij El’tekov, Freundliche Auskunft an Barbara Stelzl-Marx. Grambach 17.5.2008.
109 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 132, S. 193–195, Befehl des Leiters der NKVD-Truppen zum Schutz des
Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Generalmajor Pavlov, und des Leiters der Politabteilung,
Oberst Nanejšvili, über die parteipolitische Information, 25.5.1945.
110 Ebd.
111 RGVA, F. 32905, op. 1, d. 291, S. 166f., Anordnung des Leiters der Politverwaltung der CGV, Ge-
neralleutnant Galadžev, an die NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV, über die
Berichterstattung bei außerordentlichen Vorfällen, 19.9.1945.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918