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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung344
samkeit widmete man dem Verhalten von Partei- und Komsomolmitgliedern.
Diese sollten – zumindest theoretisch – den übrigen Armeeangehörigen als
leuchtende Vorbilder dienen. So unterschied man bei der Analyse des politisch-
moralischen Zustandes sowie der Disziplin der Truppen nicht nur nach militä-
rischem Rang (Offiziere – Unteroffiziere – Mannschaftsdienstgrade), sondern
auch nach Parteizugehörigkeit (Kommunisten – Komsomolzen – Parteilose).
Das Ergebnis war jedoch häufig ernüchternd: Zwar lagen „amoralische
Erscheinungen“ und militärische Vergehen bei den Mannschaften weit über
jenen der Unteroffiziere und vor allem der Offiziere, doch unterschieden sich
Kommunisten und Komsomolzen nur unwesentlich von Parteilosen: Etwa
die Hälfte der registrierten „amoralischen Erscheinungen“ im 2. Quartal 1945
hatten Partei- und Komsomolmitglieder begangen; bei militärischen Ver-
fehlungen war die Lage lediglich geringfügig besser. Unbeirrt informierte
man jedoch den Chef der Politabteilung: „Ungeachtet der Mängel führten
die Partei- und Komsomolorganisationen eine große Arbeit hinsichtlich der
Stärkung des politisch-moralischen Zustandes und der Disziplin unter dem
Personalstand, den Kommunisten und Komsomolzen durch.“116
Betrachtet man die zahlenmäßige Verteilung auf militärische Ränge und
Parteizugehörigkeit, fällt jedoch Folgendes auf: Anfang April 1946 bestan-
den rund 13 Prozent des gesamten, aus 1246 Mann bestehenden 37. NKVD-
Grenzregiments aus Offizieren, 24 Prozent aus Unteroffizieren und 63 Pro-
zent aus Mannschaftssoldaten. Insgesamt 25 Prozent waren Kommunisten,
33 Prozent Komsomolzen und 42 Prozent Parteilose. Dabei war der Anteil an
Kommunisten unter den Offizieren mit 78 Prozent besonders hoch; die Kom-
somolzen und Parteilosen hielten sich mit jeweils etwa 11 Prozent die Waa-
ge.117 Wenn man die charakteristische Zusammensetzung dieses Regiments
auf die vorab erwähnte prozentuelle Verteilung der Vergehen umlegt, wird
deutlich, dass die höhere Rate an Vergehen unter den Soldaten mit ihrer hö-
heren Gesamtzahl prinzipiell korrespondiert. Auch entsprach der Anteil an
Partei- und Komsomolmitgliedern in etwa der Verteilung von „amoralischen
Erscheinungen“. Dies legt die Schlussfolgerung nahe, dass sich die diversen
Verstöße relativ ausgeglichen auf alle Ränge verteilten und dass auch die Par-
116 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 132, S. 218–264, hier: S. 246–249, Bericht des Kommandeurs des 336.
NKVD-Grenzregiments, Martynov, und des Leiters der Politabteilung des Regiments, Čurkin, an
den Leiter der Politabteilung der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen
Front, Nanejšvili, über den Dienst, die parteipolitische Arbeit, den politisch-moralischen Zustand
und die Disziplin des Regiments im 2. Quartal 1945 [Juni 1945].
117 RGVA, F. 32906, op. 1, d. 156, S. 29, Überblick des Leiters der Politabteilung des 37. NKVD-Grenz-
regiments, Major Sudakov, über die zahlenmäßige Zusammensetzung des Regiments per 1. April
1946, 31.3.1946.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918