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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung380
Ivan Serov, General der „Smerš“, beschlagnahmte eine Sammlung, zu der
angeblich die Krone des belgischen Königs gehörte. Auch andere sowjetische
Marschälle, Generäle und führende Geheimdienstmitarbeiter ließen Haushalts-
gegenstände, aber auch Gold, Antiquitäten und Gemälde in die Heimat trans-
portieren. Allein 60.000 Klaviere, 459.000 Radios und 3,3 Millionen Paar Schuhe
kamen auf diesem Weg aus Deutschland in die Sowjetunion. Viele hatten den
bolschewistischen Verhaltenskodex der Bescheidenheit und der Abneigung ge-
genüber materiellem Reichtum über Bord geworfen. Das besetzte Europa galt
als gigantisches „Einkaufszentrum“, in dem man nichts bezahlen musste.255
2.3.2 Demobilisierungslaune und Strafe
Wenig überraschend nahm die Disziplin nochmals drastisch ab, sobald die
Verlegung, Demobilisierung oder Auflösung einer Einheit bevorstand. In
diesen Fällen breitete sich häufig sowohl im Offiziers- als auch im Unteroffi-
ziers- und Mannschaftsstand eine sogenannte „Demobilisierungs- und Reor-
ganisationslaune“ aus. Im Falle der 61. Schützendivision des 383. Schützen-
regiments wären sogar der Kommandeur des Regiments, sein Stellvertreter,
der Stab und der Politapparat „dagesessen“ und hätten auf „die Auflösung
und Verlegung“ gewartet, kritisiert der NKVD. Als Resultat der „geschwäch-
ten Ordnung“ gingen die Soldaten, „wohin sie wollten“, trieben sich auf den
Märkten und in „Spelunken“ umher, betrieben Tauschhandel und begingen
„amoralische Straftaten“.256 Und: Die Soldaten nahmen mehr in die Heimat
mit als bloße Erinnerungen.
Die Armeeführung kämpfte mit diversen Mitteln gegen derartige Verstö-
ße: Die Bandbreite reichte von Disziplinarstrafen über politische Schulungen
und Ausschlüsse aus der Partei bis hin zu mehrjähriger Gefängnis- und La-
gerhaft. Eigene Befehle zielten darauf ab, die Plünderungen einzuschränken
bzw. möglichst zu unterbinden. „All dies widerspricht grundsätzlich der von
der sowjetischen Regierung verfolgten Politik in Österreich“, wurde den Be-
satzungssoldaten eindringlich ins Gewissen geredet.257 Weiters wurden stren-
255 Vladislav M. Zubok, A Failed Empire. The Soviet Union in the Cold War from Stalin to Gorbachev.
Chapel Hill 2007, S. 9.
256 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 110–127, hier: S. 123, Bericht des Leiters der NKVD-Truppen zum
Schutz des Hinterlandes der CGV, Generalmajor Kuznecov, und des Leiters der Politabteilung der
Truppen, Oberst Šukin, an den stv. Leiter der Hauptverwaltung der Inneren Truppen des NKVD,
Generalmajor Skorodumov, über den politisch-moralischen Zustand und die Disziplin in den
MVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV im 1. Quartal 1946, 9.4.1946.
257 CAMO, F. 3415, op. 1, d. 96, S. 160, Befehl Nr. 02442 des Bevollmächtigten des Leiters des Stabes der
18. Panzerdivision, Oberstleutnant Ševčenko, über Maßnahmen zur Verhinderung von Plünderun-
gen, 28.8.1945.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918