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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 407 fensichtlich, dass keiner der Verurteilten aus böser Absicht gehandelt hatte. Wie die spätere Zeugenaussage des Unteroffiziers belegt, hatte Albin Wolny sogar persönlich einen Schluck aus der Flasche getrunken, als er sie für die drei Konserven eintauschte. Die drei Rotarmisten erlitten demnach aus eige- ner „grober Unvorsichtigkeit“ die Vergiftung.344 Da den Österreichern kein Verbrechen nachgewiesen werden konnte, erklärte das Militärgericht alle drei für rehabilitiert und hob das Urteil im Nachhinein auf.345 Während der Besatzungszeit sprachen sich derartige Vorfälle von Ver- haftungen und Verurteilungen rasch herum. Den Einheimischen war daher bewusst, dass die Verabreichung von Spiritus oder Methylalkohol an Besat- zungsangehörige insofern schlimme Folgen haben konnte, als ein etwaiger damit verbundener Tod als mutwillige Tötung gelten konnte. So hatte etwa eine im Mühlviertel wohnhafte Familie die ärgsten Befürchtungen, als der in ihrem Haus einquartierte Offizier schwer betrunken dem Tod nahe schien. „Wenn der stirbt“, so die berechtigte Überlegung des Hausherrn, „dann glau- ben die [Sowjets] womöglich, dass wir das getan hätten.“ Sie ließen daraufhin einen sowjetischen Arzt kommen, der eine lebensgefährliche Alkoholvergif- tung diagnostizierte. Der Offizier überlebte und schwor – zumindest vorläu- fig –, nichts mehr zu trinken. Die Österreicher blieben unbehelligt.346 Selbst wenn sich Einheimische – wie im Fall der oberösterreichischen Fa- milie – nicht unmittelbar am Verkauf oder der Bereitstellung des Alkohols be- teiligt hatten, waren sie einer gewissen Gefahr ausgesetzt. Denn die Soldaten, so zumindest die Erinnerung österreichischer Zeitzeugen, waren nicht allzu wählerisch: Schnaps, Most, Spiritus, Methylalkohol, sogar Kölnischwasser und Alkohol von Tierpräparaten – angeblich wurde alles getrunken. Das Kli- schee des „saufenden Russen“ ist bis heute verbreitet.347 Es wird wohl nicht mehr zu klären sein, wie viele der Alkoholvergiftungen reine „Unfälle“ wa- ren und wie viele tatsächlich auf eine mutwillige Verabreichung von gesund- heitsschädlichem Alkohol seitens der einheimischen Bevölkerung zurückge- hen. Faktum ist, dass der Alkohol bei Besatzern und Besetzten weitreichende Folgen hatte, zu denen in erster Linie auch Übergriffe auf Frauen gehörten. 344 AdBIK, Rechtsspruch Nr. 42n des Militärgerichts der Baltischen Front, 14.9.1998; AdBIK, Daten- bank verurteilter österreichischer Zivilisten in der UdSSR. 345 AdBIK, Rehabilitierungsbescheid des Militärgerichts der Baltischen Front für Lukas Forstner, Albin Wolny und Walter Wolny, 16.9.1989. 346 Hannl, Mit den Russen leben, S. 129f. 347 Ebd., S. 127–130.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Stalins Soldaten in Österreich
Subtitle
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Author
Barbara Stelzl-Marx
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2012
Language
German
License
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
874
Categories
Geschichte Nach 1918
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