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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung420
Disziplin“ auseinander. Parallel dazu wurde über die Komsomolschiene eine
Untersuchung eingeleitet, inwieweit Čečel’nickij im Bereich des Allunions-
verbandes zur Verantwortung zu ziehen war. Schließlich wurde untersucht,
ob die beiden Täter dem Gericht des Militärtribunals zu übergeben waren.388
Das Resultat ist gleichfalls bezeichnend: Čečel’nickij schloss man aus dem
Komsomolverband aus. Weiters verurteilte das Militärtribunal die zwei Män-
ner wegen der Vergewaltigung zu fünf Jahren ITL, was ein durchaus gängi-
ges Strafausmaß für diese Tat darstellte. Und schließlich erhielten ihre unmit-
telbaren Vorgesetzten, zwei Oberleutnants, jeweils eine strenge Verwarnung.
Denn „die Tatsache der Vergewaltigung“, so das stereotype Resümee, „pas-
sierte als Folge der Disziplinlosigkeit und Labilität [der beiden Verurteilten]
sowie der fehlenden Kontrolle“ seitens ihrer Vorgesetzten. Ob die Österrei-
cherin eine Entschädigung erhielt, ist nicht überliefert, kann aber weitestge-
hend ausgeschlossen werden.389
Wie eingangs erwähnt, lassen sich zudem die Rahmenbedingungen des
Sexualstrafdelikts als charakteristisch bezeichnen: Die Tat passierte in der
Nacht, an einem abgelegenen Ort. Die Armeeangehörigen waren zu zweit,
wodurch einer – mehr oder weniger – den Mann des Opfers im Auge behal-
ten konnte. Die Vergewaltigung fand im Beisein des Ehemannes statt. Letzte-
res ist bei zahlreichen sexuellen Übergriffen belegt: Man führte dadurch den
Männern ihre eigene Machtlosigkeit vor Augen. Beim Zusehen hatten sie eine
der intimsten Entwürdigungen zu erleiden.390 Und die beiden Soldaten waren
bereits derart alkoholisiert, dass einer von ihnen, Čečel’nickij, noch am Ort
des Verbrechens einschlief.
2.5.5 Sowjetische Reaktion: politische Tragweite
Die Tatsache, dass sich die Rote Armee nicht anders verhielt als jede Erobe-
rungsarmee der Welt, war insofern besonders peinlich, als sie dem ideolo-
gischen Anspruch widersprach, eine Befreiungsarmee zu sein. Auch waren
sich die Sowjets der politischen Tragweite von Übergriffen bewusst: „Militär-
angehörige, die gegenüber der örtlichen Bevölkerung ein unwürdiges Ver-
halten an den Tag legen, haben vergessen, dass die gesamte Rote Armee und
388 Ebd.
389 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 132, S. 218–264, hier: S. 243f., Bericht des Kommandeurs des 336. NKVD-
Grenzregiments, Martynov, und des Leiters der Politabteilung des Regiments, Čurkin, an den Lei-
ter der Politabteilung der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front,
Oberst Nanejšvili, über den Dienst, die parteipolitische Arbeit, den politisch-moralischen Zustand
und die Disziplin des Regiments im 2. Quartal 1945 [Juni 1945].
390 Merridale, Iwans Krieg, S. 348.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918