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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung440
zu erfüllen hätte und er selbst noch nach Budapest fahren wolle. Eines der
Fahrzeuge, die er abliefern hätte müssen, verkaufte er.457
Ein Bericht an die Abteilung für Propaganda und Agitation des ZK der
VKP(b) fasste das Delikt der Nicht-Rückkehr in die Heimat als „äußerst ge-
fährliche Erscheinung“ folgendermaßen zusammen: „Demobilisierte oder in
den Reservestand entlassene Militärpersonen verbleiben unerlaubterweise
im Ausland, verkehren mit einer Reihe von Spekulanten und dunklen Gestal-
ten, wobei sie auf diese Weise ihre militärische Uniform missbrauchen und in
den Schmutz ziehen. Unter Angabe verschiedener Gründe wird ein Abzug
mutwillig hinausgezögert. Doch auch andere Formen von List kommen zur
Anwendung: Eine Person, die all ihre Demobilisierungsurkunden und den
Abzugsbefehl erhalten hat, begibt sich in Spitalsbehandlung, und nach Ab-
lauf derselben haben alle bereits auf diese Person vergessen. Die Person lebt
über Monate irgendwo an einem geheimen Ort bei Österreichern.“458
Jene, die den Fahnenflüchtigen Hilfe angedeihen ließen, machten sich
selbst strafbar. So ließ man mehrere Angestellte des Wiener Ostbahnhofs fest-
nehmen, die gefälschte Dokumente für Deserteure der Roten Armee ange-
fertigt und als Gegenleistung gestohlene Wertgegenstände erhalten hatten.
Im Zuge der Fahndungsaktion stellte sich das Gebiet um den Bahnhof als
beliebter Treffpunkt heraus: In einer Privatwohnung entdeckte der NKVD
sechs sowjetische Fahnenflüchtige und nahm sie fest. Sie waren angeblich
zwei Monate lang verschiedene Städte in Österreich und Ungarn abgefahren,
hatten geplündert und vergewaltigt.459 Es stellt sich nun auch die Frage nach
den häufigsten Gründen für Desertion.
2.6.5 Gründe für Fahnenflucht
Die Ursachen und Anlässe für Desertionen nach Ende der Kampfhandlungen
waren vielfältig. Einer der Gründe war die relative Freiheit, die jenseits der
Enge von Kasernenmauern, Vorschriften und strengen Reglementierungen des
Alltags lockte. Das Leben im Westen erschien manchen so erstrebenswert, dass
sie dem Militär und der Heimat den Rücken kehrten. So berichtete die Polit-
abteilung der Streitkräfte Anfang Juli 1945, „dass vereinzelte, moralisch insta-
bile Soldaten […] die Absicht haben, nach ihrer Demobilisierung dauerhaft in
457 Ebd.
458 Ebd.
459 RGVA, F. 32905, op. 1, d. 166, S. 75–78, hier: S. 77, Bericht des Leiters des Stabes des 24. Grenzregi-
ments, Major Galeev, und seines Assistenten, Oberstleutnant Bujal’skij, an den Leiter der NKVD-
Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV über die militärische und operative Tätigkeit des
Regiments im Dezember 1945, 31.12.1945.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918