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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung444
Wegen der Erkrankung an Gonorrhö kehrte auch Garde-Leutnant Nikolaj
Šakun nach seiner Demobilisierung im Februar 1946 nicht in die Sowjetuni-
on zurück. Er lebte zunächst illegal fünf Monate zusammen mit einer Öster-
reicherin in Wien. Aus Angst vor einer Bestrafung rief er schließlich einen
sowjetischen Militärarzt über dessen Privatnummer an und ersuchte um ei-
nen Termin in dessen Wohnung.471 Dort bat Šakun den Arzt, er möge ihm ein
Zertifikat über eine bereits erfolgte mehrmonatige medizinische Behandlung
ausstellen. Der Garde-Leutnant wurde allerdings „in die Falle gelockt“, ver-
haftet und der „Smerš“ übergeben.472
Manche Soldaten desertierten noch während der Behandlung, zum Beispiel
der 1921 geborene Dmitrij Gorel’ko. Der Mannschaftssoldat wurde im August
1945 mit Gonorrhö in die Klinik für Geschlechtskrankheiten Nr. 5543 einge-
wiesen, aus der er im Oktober floh. Gemeinsam mit insgesamt 14 anderen De-
serteuren aus der Roten Armee bildete er eine „Bande“, die in Österreich und
Ungarn bewaffnete Raubüberfälle vor allem in Personenzügen verübte. Zwei
Frauen, die sie angeblich bei einer der Militärkommandanturen verraten woll-
ten, wurden ermordet. Bei einer Razzia auf dem Wiener Ostbahnhof geriet die
Bande in die Fänge des NKVD. Wie die spätere Untersuchung zeigte, litten
beinahe alle der 14 Deserteure an Geschlechtskrankheiten.473
Andere Besatzungsangehörige dürften mit dem Leben in der Armee unzu-
frieden gewesen sein. Beispielsweise desertierte der Rotarmist Galkin, „weil
er nicht in unseren Truppen dienen“ und seine militärische Ausbildung fort-
setzen wollte. Drei Monate später war es noch immer nicht gelungen, ihn aus-
findig zu machen, obwohl alle NKVD-Einheiten und die „Smerš“ über seine
Fahnenflucht informiert worden waren.474
des Stabschefs, Hauptmann Kasavčenko, an den Leiter der NKVD-Truppen zum Schutz des Hin-
terlandes der CGV und den Militärrat der 4. Garde-Armee, 21.9.1945.
471 RGVA, F. 32916, op. 1, d. 11, S. 138–144, hier: S. 138, Operative Tagesmeldung Nr. 0016 des Kom-
mandeurs des 24. NKVD-Grenzregiments, Oberst Kapustin, und des Stabschefs, Major Galeev, an
den Leiter der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV über die militärische und
operativ-dienstliche Tätigkeit des 24. Grenzregiments per 31. Juli 1946 [frühestens am 1.8.1946].
472 RGVA, F. 32905, op. 1, d. 166, S. 212–216, Bericht des Kommandeurs des 24. NKVD-Grenzregi-
ments, Oberst Kapustin, und des Stabschefs, Major Galeev, an den Leiter der NKVD-Truppen zum
Schutz des Hinterlandes der CGV über die Resultate einer Operation zur Säuberung Wiens von
verbrecherischen Elementen Ende Juli 1946, 31.7.1946.
473 RGVA, F. 32916, op. 1, d. 10, S. 5–9, hier: S. 5f., Bericht des Kommandeurs des 3. Schützen-Batail-
lons, Hauptmann Ryskin, und des Stabschefs, Hauptmann Kostylev, an den Kommandeur des 24.
NKVD-Grenzregiments, Oberst Kapustin, über die Zerschlagung einer Bande, 10.1.1946; RGVA, F.
32916, op. 1, d. 10, S. 11f., Bericht des stv. Kommandeurs für Aufklärung des 24. Grenzregiments,
Hauptmann Golub, über die Zerschlagung einer Bande, 5.1.1946.
474 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 110–127, hier: S. 114, Bericht des Leiters der NKVD-Truppen zum
Schutz des Hinterlandes der CGV, Generalmajor Kuznecov, und des Leiters der Politabteilung der
Truppen, Oberst Šukin, an den stv. Leiter der Hauptverwaltung der Inneren Truppen des NKVD,
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918