Page - 446 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Image of the Page - 446 -
Text of the Page - 446 -
I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung446
der örtlichen Bevölkerung Arbeit, um auf Dauer im Ausland zu leben.“478 Die
Ursache lag laut Militärrat auf der Hand: „Die Kommandeure und Politoffi-
ziere […] messen diesen Fakten nicht die notwendige politische Bedeutung
bei, in der durchgeführten parteipolitischen Arbeit berücksichtigen sie nicht
die Besonderheiten der uns umgebenden Verhältnisse, die Neuzugänge un-
tersuchen sie schlecht, die Stimmung der Männer kennen sie nicht, und die
schmachvollen Fakten der Desertion verhindern sie nicht.“479 Ein dreiteiliger
Maßnahmenkatalog sollte Abhilfe schaffen:
Erstens erhielten die Leiter der Politorgane in der Armee den Befehl, die
vorgefallenen Desertionen genau zu untersuchen, die Gründe und die Schul-
digen, „welche die Verbrechen zugelassen hatten“, zu eruieren und vor allem
jene Kommandeure und Politoffiziere zur Verantwortung zu ziehen, „die
leichtsinnig mit den Fakten der Desertion umgingen, die nicht die militäri-
sche Ordnung in ihren Einheiten und Abteilungen aufrechterhalten konn-
ten“.
Zweitens waren die Kommunisten und Komsomolzen zu aktivieren, die
nicht nur die Stimmung der Soldaten analysieren, sondern sich auch beson-
ders um die Neuzugänge kümmern sollten. In jenen Einheiten, in denen es
bereits zu Desertionen gekommen war, sollten sie Partei- und Komsomolver-
sammlungen einberufen.
Drittens mussten den Soldaten, insbesondere den Neuzugängen, im Rah-
men von Politinformationen und Gesprächen nochmals die Gesetze der sow-
jetischen Regierung über Vaterlandsverräter, also Deserteure, nähergebracht
werden. Mitarbeiter der Militärtribunale und Staatsanwaltschaften sollten
dabei über ihre Arbeit und sicherlich auch über die Strafen, die einen wieder
aufgegriffenen Fahnenflüchtigen erwarteten, sprechen.480
Die Argumentation des Militärrates war nicht neu. Bereits zuvor hatte man
auf hoher Armee- und NKVD-Ebene vor allem der schwachen erzieherischen
Arbeit mit den Armeeangehörigen und den verantwortlichen Offizieren, die
ihre Männer nicht ausreichend beobachteten, die Schuld gegeben. Doch auch
eine generelle Lockerung der Disziplin, mangelnde Kontrolle seitens ihrer
Vorgesetzten und der Umstand, dass die Soldaten häufig sich selbst über-
lassen worden seien und „machten, was sie wollten“, hätten zur Desertion
geführt – ein Faktum, „das unsere Truppen blamiert“. Als Gegenmaßnahme
wollte man offensichtlich versuchen zu verhindern, dass die Soldaten „auf
478 RGVA, F. 32905, op. 1, d. 291, S. 229, Bericht des Mitglieds des Militärrates der CGV, Generalleut-
nant K. Krajnjukov, und des Leiters der Politverwaltung der CGV, Generalmajor F. Jašečkin, an die
Leiter der Politabteilungen der Armee und Korps über Desertionen, 1.9.1945.
479 Ebd.
480 Ebd.
back to the
book Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955"
Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918