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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
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lich frei. Aber man hat halt sehr vorsichtig sein müssen, nicht? Man ist gleich
verschleppt worden. Und da hat er mir das Bild gegeben und hat gesagt, das
soll ich mitnehmen. Wenn irgendwas wäre, wahrscheinlich, dass ich’s vor-
weisen kann.“122
Hierbei spricht Romana Steinmetz indirekt gleich mehrere signifikante As-
pekte von Liebesbeziehungen mit Besatzungssoldaten an: Denisov entsprach
nicht den negativen Vorstellungen, die „man“ sich „immer“ – in der NS-Zeit
und danach – von sowjetischen Soldaten gemacht hatte. Dabei hatte das Ver-
halten der Besatzungsmacht diese Ängste noch verstärkt, wobei sie hier ex-
plizit Verschleppungen und implizit Vergewaltigungen erwähnt. Trotz ihrer
persönlichen positiven Erfahrung revidierte sie allerdings nicht ihr generelles
Feindbild. Außerdem betont sie, sie wäre „eigentlich frei“, also ohne eine Be-
ziehung zu einem anderen Mann, gewesen und hätte „nur mit ihm Verbin-
dung gehabt“. Ihre aus „Vernunftgründen“ mit einem Deutschen während
des Krieges geschlossene Ehe hatte nur zwei Wochen gedauert. Dies soll of-
fensichtlich ihre moralische Integrität hervorheben und sie vor dem Vorwurf
schützen, sie hätte sich leichtfertig mit „Russen“ eingelassen. Gleichzeitig un-
terstreicht sie seine – zumindest von ihm intendierte – Funktion als Beschützer
vor Übergriffen durch andere sowjetische Militärangehörige. „Wenn irgend-
was [gewesen] wäre“, hätte sie sein Foto zu ihrer Verteidigung vorweisen kön-
122 OHI, Romana Steinmetz. Durchgeführt von Barbara Stelzl-Marx. Baden 20.5.2005.
Abb. 67: Der sowjetische Nachschuboffizier
Pavel Denisov gab seiner österreichischen
Freundin dieses Foto zum Andenken, aber
auch als Schutz vor möglichen Übergriffen.
Auf der Rückseite trägt es die russische
Widmung: „Der liebsten Romana zur Er-
innerung von Pavlik. Erinnere dich an die
vergangene Zeit, wenn wir nicht zusammen
sind. Mögen die Wellen des Lebensmeeres
die Erinnerung an mich nicht hinwegspü-
len. 21.5.1946 Baden.“ (Quelle: Sammlung
Stelzl-Marx, Bestand Steinmetz)
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918