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2. Liebesbeziehungen und ihre Folgen 511
hungen mit Besatzungssoldaten des ehemaligen Feindes beinhalteten daher
häufig eine rassisch-ideologische Komponente. Als besonders verwerflich
galten Affären mit „gänzlich fremden“ Männern: den schwarzen GIs, den
Marokkanern, den „Mongolen“, aber auch – ganz pauschal – den „Russen“.160
Das NS-Feindbild von den „wilden Horden aus dem Osten“, das durch die
Übergriffe der Roten Armee zu Kriegsende noch verstärkt worden war, führ-
te vielfach zu einer Diskriminierung von „Russenliebchen“.
Unter den Bedingungen des „Untergangs“ gesellte sich zur „rassischen“
Überschreitung die „nationale“ verschärfend hinzu. Der Lebensstil einer „Be-
satzungsbraut“ galt aus der Wahrnehmungsperspektive der Bevölkerung als
Verrat an der – im oder durch den Nationalsozialismus geformten – „Volks-
gemeinschaft“, einem Modell, von dem man sich gefühlsmäßig erst ansatz-
weise verabschiedet hatte. Parallel dazu propagierten die neuen demokra-
tischen politischen Eliten die schnell formulierte identifikatorische Lösung
„wir Österreicher“. Kontakte zu ausländischen Soldaten interpretierte man
daher als ein bedrohliches Sich-Herausnehmen des „Wir“. Dabei wirkte die
während der NS-Zeit gepflegte Segmentierung „wir und die anderen“ oder
„wir und die Fremden“ weiter.161
Zudem brachte die Abwesenheit vieler Männer das in der Familieneinheit
konservierte Sicherheitsgefüge des Staates durcheinander und exponierte
weibliche Sexualität: Aus sexueller „Untreue“ wurde „nationale Untreue“.162
In der öffentlichen Meinung grenzte das Verhalten von Frauen, die „sich mit
dem Feind eingelassen hatten“, an Verrat: sei es an der Heimat, den Männern,
die gefallen, in Kriegsgefangenschaft oder vermisst waren, oder an den durch
die jahrelange NS-Propaganda geprägten Moralvorstellungen.163
2.2.1 Praktiken der Ausgrenzung
Vor diesem Hintergrund war das Beziehungsdreieck zwischen österreichi-
schen Frauen, österreichischen Männern und Besatzungssoldaten emotional
besonders aufgeladen. Die militärische Niederlage hatte zahlreiche ehema-
lige Wehrmachtssoldaten in ihrem Selbstwertgefühl und ihrer männlichen
160 Bauer – Huber, Sexual Encounters across (Former) Enemy Borderlines, S. 86.
161 Ingrid Bauer, Die „Ami-Braut“ – Platzhalterin für das Abgespaltene? Zur (De-)Konstruktion eines
Stereotyps der österreichischen Nachkriegsgeschichte 1945–1955, in: L’Homme. 1996/1, S. 107–121,
hier: S. 113.
162 Anette Brauerhoch, „Fräuleins“ und GIs. Geschichte und Filmgeschichte. Frankfurt am Main – Ba-
sel 2006, S. 81–83. Vgl. dazu auch: Maria Höhn, GIs and Fräuleins. The German-American Encoun-
ter in 1950s West Germany. North Carolina 2002.
163 Lee, Kinder amerikanischer Soldaten in Europa, S. 339f.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918