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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
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schreiten konnte, verlor ihren Enkel für mehr
als zehn Jahre aus den Augen. H. L. wuchs
schließlich im kurz zuvor von Hermann
Gmeiner gegründeten SOS-Kinderdorf in Ti-
rol und später in Hinterbrühl auf. Erst als er
etwa 13 Jahre alt war, konnte ihn seine nun
in Italien wohnhafte Großmutter ausfindig
machen und ihm Genaueres über seine Mut-
ter, an die er sich nicht mehr erinnern konn-
te, erzählen. Im April 2009 erfuhr H. L. nicht
nur die wahren Hintergründe über das „Ver-
schwinden“ seiner Mutter, sondern auch von
der Hinrichtung seines Vaters, dessen Name
ihm bis dahin nicht bekannt gewesen war.250
Über Memorial Moskau und das Ludwig
Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-For-
schung erhielt er auch das bisher einzige Foto
seines Vaters – aus dessen Strafprozessakt.
3.2.1 Wirtschaftliche Probleme
Nicht zuletzt spielten wirtschaftliche Probleme eine Rolle: Die Mütter waren
häufig alleinerziehend und mussten selbst für ihren Unterhalt sowie den ihres
Kindes aufkommen. Die in die Sowjetunion zurückgekehrten Väter konnten –
so ihre Adresse überhaupt bekannt war – nicht zu Alimentationszahlungen he-
rangezogen werden. Nichtsdestotrotz standen die Mütter mehrheitlich zu ihren
Kindern: Von österreichweit 603 Frauen, die die Fürsorge aufgefordert hatte,
ihre Kinder zur Adoption freizugeben, erklärten sich nur 92 dazu bereit.251
Bezeichnenderweise wuchs Renate M. bei Pflegeeltern auf, nachdem ihre
Mutter einen Österreicher geheiratet hatte: „Meine Kindheit und meine Ju-
gend waren mehr als schwer, da ich als Kind eines fremden Besatzers in die-
sem kleinen Ort natürlich diskriminiert wurde. Meine Mutter hat 1952 einen
Mann aus dem Dorf geheiratet, und ich konnte aufgrund meiner Abstam-
mung nicht in der Familie bleiben, da ich das Hassobjekt meines Stiefvaters
250 Louzek, Freundliche Auskunft. Herbert Lackner, „Jetzt ist auch die Hoffnung gestorben“. Zeitge-
schichte. Nach dem Fall der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs öffneten sich langsam auch
die Geheimarchive. Viele Familien erfahren erst jetzt vom grausamen Tod ihrer in die Sowjetunion
verschleppten Angehörigen“, in: Profil 46, 9.11.2009, S. 18–23.
251 Srncik, Besatzungskinder – ein Weltproblem, S. 5; Stelzl-Marx, Freier und Befreier, S. 441.
Abb. 74: Durch die Hinrichtung
beider Elternteile wurde das Besat-
zungskind H. L. zur Vollwaisen.
(Quelle: Sammlung Stelzl-Marx,
Bestand H. L.)
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918