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3. Besatzungskinder 543
das Foto von zwei seiner Schwestern: „Und das ist ja eigentlich auch meine
Hoffnung, denn ich denke, die Schwestern werden wahrscheinlich geheiratet
haben, und es wird wieder Söhne und Töchter und dann höchstwahrschein-
lich wieder Söhne und Töchter geben. Und ich denke, dass ich da Verwandte
habe. […] Ich würde mich sehr freuen, wenn ein Kontakt, wenn das möglich
ist, wenn ein Kontakt zustande kommen kann.“280
Erfahrungsgemäß wissen die Kinder sowjetischer Besatzungssoldaten
nicht, ob ihr Vater noch am Leben oder bereits verstorben ist. Je mehr Zeit
verstreicht, desto unwahrscheinlicher wird es allerdings, bei einer geglück-
ten Suche den Vater lebend anzutreffen. Doch auch diese offene Frage sollte
geklärt werden, meint Angelika Miermeister, 1947 in Jessen/Elster geboren:
„Wenn er nicht mehr lebt, wünsche ich mir, an seinem Grab von ihm und
unserer gemeinsamen Geschichte Abschied zu nehmen.“281
Im Gegensatz zu den meisten Betroffenen verfügt sie über zahlreiche Erin-
nerungsstücke an ihren Vater, der ihr den Kosenamen „Sputnikchen“ verlieh:
„Ich meine, dass ich einen großen Schatz habe. Ich habe Briefe von meinem
Vater, ich habe Bilder von meinem Vater, und das haben viele Menschen
nicht. Das finde ich schon ganz wichtig. Schon ein Stück gelebtes Leben, wel-
ches ich schriftlich fixiert habe.“282 Doch möchte sie wissen, was nach 1961,
als der ab 1958 geführte Briefwechsel abrupt abbrach, mit ihm geschah. Die
Auseinandersetzung mit diesem Thema und die Vorbereitung eines Suchauf-
rufes für die russische Fernsehsendung „Ždi menja“ stellten eine Herausfor-
derung dar: „Lange genug hat dieses Projekt ja nun schon gedauert. Dabei
habe ich erst gemerkt, wie viel ich noch aufzuarbeiten habe. Es war für mich
sehr anstrengend, und viele Tränen sind geflossen. Es gab auch jetzt bei der
Vorbereitung auf den Videodreh Tage, an welchen ich einfach die Briefe und
Bilder nicht sehen konnte. Nun ist alles fertig.“283
In diesem Fall dürfte die mehrjährige, intensive Korrespondenz möglich
gewesen sein, weil ihre Mutter in der DDR lebte und ihr Vater über gute
Deutschkenntnisse verfügte. Zumindest während der Besatzungszeit und
in den ersten beiden Jahrzehnten danach war eine briefliche Kontaktaufnah-
me mit Frauen in Österreich jedoch kaum möglich. Zu groß dürfte die Angst
seitens der ehemaligen hier stationierten Militärangehörigen gewesen sein,
Briefe an „westliche“ Frauen würden Repressalien in ihrer sowjetischen Hei-
mat nach sich ziehen. So sind vielen der „Besatzungskinder“ die persönlichen
280 OHI, Monika G.
281 Sammlung Barbara Stelzl-Marx, Suchaufruf von Angelika Miermeister. Berlin 22.7.2008. Das Video
wurde als Suchaufruf für die Sendung „Ždi menja“ aufgenommen.
282 Ebd.
283 Angelika Miermeister, Schreiben an Barbara Stelzl-Marx. Berlin 22.7.2008.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918