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3. Besatzungskinder 553
gewaltig nervös vorher. Aber als mir die Fernsehregisseurin, bevor ich auf
die Bühne ging, auf einem Monitor meinen Vater gezeigt hat, da ist die ganze
Nervosität einer riesigen Freude gewichen!“312 Ein halbes Jahr später besuchte
Gerhard Verosta seine „neue“ Familie in Ufa im Ural, die ihn herzlich auf-
nahm: „Diese Menschen bringen mir so eine Herzlichkeit und menschliche
Wärme entgegen, dass ich mich voll in ihre Familie aufgenommen fühle – so
voll, dass ich nunmehr von meiner Familie spreche, denn ich war ja immer
ein Einzelkind. […] Vater hat eine große Verwandtschaft. Der ganze Clan be-
steht aus 35 oder 37 Personen (irgendwann habe ich zu zählen aufgehört) und
einige davon leben in Oktjabriskij. Jede der Familien lud mich ein und wieder
erlebte ich dieses wunderbare Gefühl, voll akzeptiert und aufgenommen zu
werden. Picknick am See, Ausflüge in den Wald, Baden in einer Banja und
immer wieder sehr gutes Essen bestimmten den Tagesablauf. Ich spürte das
Bemühen aller, dass ich mich nur ja wohlfühle.“313
Auch der Gegenbesuch von Verostas Halbbruder Anatolij und dessen Frau
Tamara sowie deren Tochter Ksenija stellte eine „wunderbare Erfahrung“ dar:
„Wir erlebten eine Harmonie, die vor dem Besuch für uns undenkbar war.
[…] Wir haben uns mit ihnen sehr wohlgefühlt und sehr viele Gemeinsam-
keiten festgestellt. Unser Kontakt hat sich nun so intensiviert, dass wir uns
wöchentlich per E-Mail, SMS und Briefen mitteilen.“ Seinem Vater bedeutet
dieser intensive Kontakt viel, ist Verosta überzeugt: „Seit Vater weiß, dass sich
seine Söhne gut vertragen, hat er innere Ruhe gefunden. Er ist trotz seiner 85
Jahre geistig voll auf der Höhe. Sicher werde ich im kommenden Jahr wieder
zur Familie reisen. Ich richte mich nach den Gegebenheiten.“314
Ein Wiedersehen zwischen den Eltern fand nicht mehr statt. Pavel Denisov
wollte Romana Steinmetz zwar in Österreich besuchen, doch lehnte diese aus
gesundheitlichen Gründen ab. Er sollte sie so in Erinnerung behalten, wie sie
nach Kriegsende gewesen war. Sie verstarb am 4. Jänner 2007.315
Ähnlich verlief die Suche des ehemaligen sowjetischen Besatzungssol-
daten Viktor G., der gleichfalls seine „österreichische Familie“ ausfindig
machen wollte. Er bat „Ždi menja“ um Unterstützung und erhielt über die
österreichische Botschaft Moskau die Kontaktdaten von Maria F., mit der er
in Niederösterreich eine mehrmonatige Liebesbeziehung eingegangen war.
Nach seiner Demobilisierung war jede Verbindung abgebrochen, da er sonst
„in diesen schrecklichen Jahren“ verhaftet worden wäre, ist Viktor G. über-
312 Otto Klambauer, Mit 58 Jahren den Vater gefunden. Sohn eines ehemaligen sowjetischen Besat-
zungssoldaten: „Eine riesige Freude“, in: Kurier, 6.7.2005, S. 11.
313 Gerhard Verosta, Elektronische Nachricht an Barbara Stelzl-Marx. 21.12.2005.
314 Gerhard Verosta, Elektronische Nachricht an Barbara Stelzl-Marx. 10.11.2006.
315 Sammlung Barbara Stelzl-Marx, Bestand Steinmetz.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918