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III. Alltag, Freizeit,
Besatzungsritual588
der Familie bedeutete: „Voroncov, Kommandant von Eisenstadt (später nach
Amstetten versetzt), war oft auf Besuch. Seine Tochter wohnte bei uns, weil
es in Eisenstadt keine russische Schule gab. Jedes Wochenende sind wir nach
Eisenstadt gefahren und spazieren gegangen, damit sie die Eltern sieht“,104
erinnert sich Lidia Krišanovskaja an ihre Schulzeit in Baden. Eine zentrale
Aufgabe des Lehrkörpers bestand darin, „ein gutes Kinderkollektiv“ heran-
zuziehen.105
Hingegen wurde von offizieller Seite wenig Wert darauf gelegt, dass die
Offizierskinder die Landessprache lernten. „Alle russischen Schulen hatten
eine Nummer. Die mit der geraden Nummer lernten Englisch als Fremd-
sprache, die mit der ungeraden Deutsch. Ich war in der englischen Schule,
aber Domec, der Lehrer, konnte auch Deutsch. Im Unterricht brachte er uns
manchmal heimlich noch ein bisschen Deutsch bei, damit wir wenigstens ein-
kaufen gehen konnten.“106
Mit der Einrichtung einer „russischen Mittelschule“ in Wien befasste sich
Anfang 1946 sogar das Sekretariat des ZK der VKP(b). Demnach sollte Konev
gestattet werden, per 1. Februar 1946 eine Schule mit kostenpflichtigem In-
ternat für Kinder von Militärangehörigen und Mitarbeitern der SČSK zu er-
öffnen, die unter der Kontrolle der „Gruppe für Volksbildung“ der SČSK zu
stehen hatte. Ein Direktor und insgesamt vier Lehrer für Physik, Mathematik
und Geografie sollten nach Wien entsandt und 1000 Bücher für die Schul-
bibliothek bereitgestellt werden. Als Bedarf an Schulbüchern wurden 2000
Exemplare angegeben. Für die laufenden Ausgaben hatte das Volkskommis-
sariat der UdSSR die benötigten Mittel flüssigzumachen.107
Nur ein halbes Jahr später widmete sich das Sekretariat des ZK der VKP(b)
erneut diesem Thema. Diesmal sollte der Politischen Hauptverwaltung
GlavPU gestattet werden, insgesamt 20 Mitarbeiter des Bildungsministeri-
ums der RSFSR in der Zeit vom 5. bis zum 20. August 1946 auf Dienstreise
ins Ausland zu schicken, damit sie die an sowjetischen Schulen im Ausland
arbeitenden Lehrer in Methodik unterrichten konnten. Jeweils fünf Personen
waren zur CGV nach Österreich, zu den sowjetischen Besatzungstruppen in
Deutschland sowie zur Südlichen bzw. Nördlichen Gruppe der Streitkräfte
zu entsenden.108 Als Begründung hieß es, der Lehrkörper würde zu einem
104 Ebd.
105 Končilas razluka, in: Za čest’ Rodiny, 20.2.1947, S. 6.
106 Maurer, Befreiung? – Befreiung!, S. 72.
107 RGASPI, F. 17, op. 116, d. 247, S. 30f., Beschluss Nr. 247 (153) des Sekretariats des ZK der VKP(b)
über die Eröffnung einer Mittelschule in Wien für Kinder von Militärangehörigen und Mitarbeitern
der SČSK, 31.1.1946.
108 RGASPI, F. 17, op. 116, d. 268, S. 35, Beschluss Nr. 268 (192) des Sekretariats des ZK der VKP(b) über
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918