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2. Freizeit, Erholung, Urlaub
Die Besatzungsangehörigen genossen genügend Freiheiten, um zumindest
peripher am österreichischen Leben teilnehmen zu können. Erkundungen
von Wien, dem Wienerwald, der näheren Umgebung, aber teilweise auch
der westlichen Besatzungszonen gehörten ebenso dazu wie ein reges Kultur-
programm und sportliche Aktivitäten. Nicht immer ist die Grenze zwischen
tatsächlicher Freizeit und organisiertem Programm eindeutig zu ziehen, zu-
mal das Militärkommando um eine möglichst strukturierte Zeiteinteilung
bemüht war. Die Militärdienstleistenden sollten „maximal“ mit Dienst und
Unterricht überhäuft werden, um ihnen möglichst wenig Freiraum zu las-
sen.112 „Freiraum“, so die implizierte Schlussfolgerung, würde unwillkürlich
zu Disziplinlosigkeit, dem zentralen Problem in der Armee, führen.
Ein Artikel in der „Österreichischen Zeitung“, dem Sprachrohr der sow-
jetischen Besatzungsmacht in Österreich, zeigt Besatzungsangehörige beim
Handballspiel („Sport stählt den Körper“), bei einem Besuch des Wiener
Zoos, auf „Wildentenjagd in der Freizeit“, beim Schachspielen zur „geistigen
Entspannung“ oder im Leseraum einer Kaserne. Geografieunterricht, Zei-
tungslektüre nach einem „ausgedehnten Übungsflug“ und militärische Schu-
lungen („Ein Frontkämpfer lehrt die Handhabung eines Maschinengewehrs“)
rundeten das aus sowjetischer Sicht ideale Bild über „Die Rote Armee im
Frieden“ ab.113 Doch täuschte das scheinbar friedliche Bild. Auch bei der Jagd
und Fischerei prallten die unterschiedlichen Interessen und Wahrnehmungen
von sowjetischer bzw. österreichischer Seite immer wieder aufeinander.
2.1 Jagd und Fischerei
„Die Übergriffe der Besatzungstruppen nehmen ständig zu, sodass von der
Durchführung eines geordneten Jagdbetriebs keine Rede mehr sein kann.
Wenn nicht ehestens im Sinne der unterbreiteten Vorschläge Abhilfe gebracht
wird, gehen die noch verbleibenden Reste der Wildbestände unausbleiblich
der Vernichtung entgegen.“114 Mit diesen drastischen Worten wandte sich der
112 RGVA, F. 32902, op. 1, d. 101, S. 57f., Bericht des Bevollmächtigten des Leiters der NKVD-Truppen
zum Schutz des Hinterlandes der Südlichen Gruppe der Streitkräfte, Oberst Semenenko, und des
stv. Stabschefs, Oberstleutnant Počuev, an die NKVD-Einheiten über Desertion und unerlaubtes
Entfernen von der Truppe, 30.8.1945.
113 Die Rote Armee im Frieden, in: Österreichische Zeitung, 23.2.1946, S. 12.
114 OÖLA, BH Perg, Schachtel 51, 1948, Abt. VII, Agrarische Angelegenheiten, Schreiben des Leiters
der Außenstelle Mühlviertel des Jagdverbandes an das Amt der oberösterreichischen Landesregie-
rung über die Jagdausübung der sowjetischen Besatzungsmacht, 14.6.1948.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918