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III. Alltag, Freizeit,
Besatzungsritual606
Garnisonen, die sich im Ausland aufhielten, einen besonderen Platz bei der
ideologischen Schulung der Offiziere“ einnehmen.183
Ab dem Frühjahr 1946 zog allerdings der damalige Leiter des Hauses,
Major Vostokov, mehrfach die Kritik von Parteimitgliedern auf sich: Die
„bourgeoise, ideologisch-feindliche Kunst“ habe sich in der Wiener Offi-
ziersmesse breitgemacht. Bei den einzelnen Aktivitäten würde das „Prinzip
eines kommerziellen Zugangs“ dominieren, während die angebrachte Selbst-
kritik wegen der vorherrschenden „Familiarität, der Angst, sich gegenseitig
zu beleidigen“, überhaupt nicht geübt werde, richtete man ihm auch über
die Zeitung „Za čest’ Rodiny“ öffentlich aus.184 Wegen organisatorischer
Schwächen sei ein großes Konzert im letzten Moment verschoben worden,
weswegen von Vostokov gefordert wurde, er möge die Zuseher – „Offiziere
und ihre Familienmitglieder sowie deren Zeit“ – mehr würdigen.185 Beanstan-
det wurde außerdem, dass zu häufig „Estradentanz- und Zirkusnummern“
zur Aufführung kamen, die den „elementaren Anforderungen sowjetischer
Ästhetik keineswegs entsprechen“ würden. Zum Abschluss eines weiteren
Zeitungsartikels betonte der Autor: „Das Leben verlangt, die Partei verlangt,
dass die künstlerische Betreuung der Offiziere auf ein neues, höheres Niveau
angehoben wird, dass sie der kommunistischen Erziehung dienen möge.“186
Ähnliche Beschwerden waren auch über „Häuser der Offiziere“ zu hören,
die außerhalb Wiens lagen und deren Freizeit- und Vergnügungsmöglichkei-
ten im Gegensatz zur politischen Schulung auf große Gegenliebe stießen: „An
Abenden und an freien Tagen kommen viele ins Haus der Offiziere. […] Das
Haus hilft, eine freundschaftliche Offiziersfamilie zu bilden. Die Mitarbeiter
bemühen sich, sein Arbeitsfeld zu erweitern. Bis zum Sommer soll ein Sport-
platz fertiggestellt sein. Momentan leben in den Garnisonen viele Offiziere
mit ihren Familien. Die Frauen brachten die Kinder mit. Für die Kinder wird
bis zum Sommer ein Spielplatz angelegt werden.“187 Auch Schachturniere, die
bis zu vier Tage dauern konnten, waren populär.188
Nur wenige nahmen hingegen das politisch-ideologische Programm wahr:
„Während die Freizeit relativ gut organisiert ist, steht es um die kulturell-
erzieherische Arbeit bedeutend schlechter. […] In diesen Stunden leeren sich
die sorgfältig aufgeräumten Zimmer.“189 Vorträge etwa würden nur von zwei
183 Ob ėtom molčat‘ nel’zja, in: Za čest’ Rodiny, 21.6.1946, S. 6.
184 Kommunističeskoe vospitanie – glavnaja zadača, in: Za čest’ Rodiny.
185 Koncert ansamblja CGV, in: Za čest’ Rodiny, 28.5.1946, S. 6.
186 Ob ėtom molčat‘ nel’zja, in: Za čest’ Rodiny.
187 V Dome oficerov, in: Za čest’ Rodiny, 21.3.1946, S. 3.
188 Šachmatnyj turnir, in: Za čest’ Rodiny, 18.10.1945, S. 4.
189 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918