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1. Dokumentarfilme 647
Wien in ein Schlachtfeld verwandeln.‘ Der Marschall rief die Bevölkerung
Wiens auf, wenn ihr an der Erhaltung der Stadt gelegen ist, nicht zuzulassen,
dass die Deutschen Wien verminen, die Brücken sprengen und die Häuser in
Festungen verwandeln.“ Den Beitrag der Roten Armee symbolisieren Auf-
nahmen von kämpfenden Soldaten, die nun nicht mehr von Musik, sondern
Gefechtslärm begleitet werden.79
Damit spiegelt dieser Film einen zentralen Aspekt nicht nur der sowjeti-
schen Propagandaschiene, sondern auch der sowjetischen Politik gegenüber
Österreich wider: Anfang April 1945 ließ Tolbuchin unter anderem einen
Aufruf verbreiten, in dem er die Wiener Bevölkerung aufforderte, nicht die
Stadt zu verlassen, „um ihre geschichtlichen Denkmäler der Kunst und Kul-
tur“ zu erhalten. Sie sollten die „Befreiungsmission“ der Roten Armee eben-
so unterstützen wie „den Kampf gegen die Deutschen […] organisieren, um
Wien vor der Zerstörung durch die Nazipreußen zu bewahren“ und Plün-
derungen zu verhindern.80 Den eigenen Truppen redete man ins Gewissen,
durch ihr Verhalten „den hohen Grad an Disziplin und Kultur“ der Armee
der „ganzen Welt“ zu zeigen.81 Dem sowjetischen Zuseher sollte der Film so-
mit vor allem eines klarmachen: Die Rote Armee wusste den Wert der Kultur
zu schätzen und unter Einsatz des Lebens zu verteidigen.
Auch die folgenden Kampfszenen werden kontinuierlich von der Gegen-
überstellung der „Deutschen“, welche die „wundervollen Bauten“ zerstören
wollten, und „unseren Einheiten“, die für deren Rettung das Leben riskierten,
durchzogen. Dieser Strategie folgt zudem der Off-Kommentar im Film: „Die
sowjetischen Soldaten säuberten Wien zur Gänze von den Deutschen. Der
Kampf ist vorbei. In die Stadt kehrte Stille ein. Die befreite Hauptstadt Ös-
terreichs ist in ihrer ganzen Schönheit zu sehen. Dank des schnellen Angriffs
der Roten Armee wurden großartige Kultur- und Kunstdenkmäler erhalten,
wunderbare Gebäude, von denen jeder einzelne Stein von der jahrhunderte-
alten Geschichte Europas erzählt.“82
Nach dem Ende der Kampfhandlungen widmet sich der Film erneut dem
Kultur-Image Wiens. Zum vierten Satz von Mozarts Symphonie in g-Moll
sieht man den Stephansdom – ein „Bauwerk gotischer Architektur“ –, das
79 Ebd. Vgl. dazu das Flugblatt „Bürger von Wien!“, das am 9. April 1945 von sowjetischen Fliegern
abgeworfen wurde. Abgedruckt in: Aichinger, Sowjetische Österreichpolitik, S. 411f.
80 Aufruf des Oberbefehlshabers der 3. Ukrainischen Front „Bürger von Wien!“, spätestens am
6.4.1945. Abgedruckt in: Aichinger, Sowjetische Österreichpolitik, S. 411f. Siehe dazu auch das Ka-
pitel A.II.1.4 „‚Jedmöglichste Hilfe‘: Aufrufe an die Bevölkerung“ in diesem Band.
81 Tagesbefehl des Militärrats an die Truppen der 3. Ukrainischen Front, 4.4.1945. Abgedruckt in: Kar-
ner – Stelzl-Marx – Tschubarjan, Die Rote Armee in Österreich, Dok. Nr. 9.
82 RGAKFD, Nr. 11198, Vena; Wurm, Walzer der Freiheit, S. 244.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918