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I. Bilder der
Besatzung648
Rathaus und die „engen, verwinkelten Gassen des alten Wien. Hier flanierten
Haydn, Beethoven, Schubert, Strauß. Hier erklangen erstmals die bezaubern-
den Klänge der unsterblichen Werke. In diesem Haus lebte der große Mo-
zart.“ Auf diesen Spaziergang durch Wien folgt erneut ein Hinweis auf die
„faschistische“ Vergangenheit Österreichs und die Rote Armee, die „Wien für
immer von der deutschen Herrschaft befreite“.83
Gegen Ende des Films wird die zentrale Botschaft nochmals eindringlich
in Erinnerung gerufen. „Die Rote Armee brachte den Frieden in die Straßen
Wiens“, erfährt man zu Klängen aus der „Hochzeit des Figaro“. Es folgen
Aufnahmen von Marschall Tolbuchin, dem Schloss Schönbrunn und schließ-
lich – zu „Geschichten aus dem Wienerwald“ – vom „Walzerkönig Johann
Strauß“. Den visuellen Höhepunkt dieser Verkettung zwischen den gängigen
Elementen der Kriegschronik und positiv konnotierten Kulturszenen ist die
Darstellung des frühlingshaften, sonnendurchfluteten Wienerwaldes, durch
den sowjetische Soldaten flanieren – „als wären sie selbst jener Johann Strauß,
den sie als Helden des ‚Großen Walzer‘ kennengelernt hatten“84 – und auf
der Ziehharmonika „G’schichten aus dem Wienerwald“ spielen. Nun hatten
auch die sowjetischen Soldaten, die „Teilnehmer an der Schlacht um Wien“,
die Gelegenheit, die „fröhlichen Haine des Wienerwaldes“ zu besuchen. Die
Konnotation von Kriegsende und Frühling wird durch Aufnahmen blühen-
der Bäume, begleitet von Schrammelmusik, heraufbeschworen. Dazu der
Kommentator: „In Wien blühen üppig die Gärten. Die Stadt erlebt den glück-
lichen Frühling – den Frühling der Befreiung.“85
Der Film schließt mit Aufnahmen von der Angelobung der provisorischen
Regierung Karl Renner am 29. April 1945 und Walzer tanzenden Wienerin-
nen und Wienern:86 „Es jubelt Wien. Die Rote Armee hat ihr87 die Wieder-
geburt gebracht. Es jubelt Wien. Sie rühmt die sowjetischen Soldaten, die
Wien von den deutschen Okkupanten befreit und die deutsch-faschistischen
Truppen aus Wien vertrieben haben“, vernimmt man den Off-Kommentar zu
Walzer- und später Marschklängen. Der Topos des Walzers als Symbol für
die Befreiung und schließlich Freiheit zieht sich konsequent als roter Faden
durch den Film. So mancher Zuseher dürfte jene Rotarmisten, welche die Ge-
legenheit hatten, Wien mit all seinen kulturellen Höhepunkten und Walzer-
klängen mit eigenen Augen zu sehen, insgeheim beneidet haben.
83 Ebd.
84 Wurm, Walzer der Freiheit, S. 245.
85 RGAKFD, Nr. 11198, Vena.
86 Köstenberger, The Great Waltz, S. 320.
87 Im Russischen ist die Bezeichnung für Wien – „Vena“ – weiblich.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918