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2. Mündlich wiedergegebene Erinnerung: Topoi und Tabus 713
folgendes Resümee: „Die Agitation von Goebbels und all den anderen deut-
schen Führern hat sie natürlich erschreckt, erschreckt.“71
Auch der Donkosak Ivan Mel’nikov verweist auf das Feindbild, das seiner
Ansicht nach die österreichische Bevölkerung von der Roten Armee bzw. von
den Kosaken hatte, das sich durch den direkten Kontakt allerdings relativier-
te. „Sie liefen fort. Und in Oberwart, wir marschierten dort ein. Ol’ga Jakov-
levna, unsere Dolmetscherin, sprach mit ihnen frei auf Deutsch. Sie reden ja
vor allem Deutsch. Sie erzählte, dass bereits am Abend alle Deutschen weg
waren. Alle waren geflohen. Und wir kamen erst in der Nacht, gegen Morgen
dorthin. Zuerst geht die Aufklärung, dann wir, die Hauptkräfte. So. So. Sie
sagten uns nur: ‚Kosaken! Kosaken! Kosaken!‘ Nun, Kosaken, nun, wer sind
die Kosaken? Und dort sagten sie, dass, nun, das war die Goebbels-Propagan-
da, dass wir Hörner hätten, weiß der Teufel.“72 Gegen Morgen seien alle zu-
rückgekommen und hätten ihnen dann zu essen gegeben, meint Mel’nikov:
„Er lief fort, holte Hafer, dem Pferd gab er Hafer, fütterte das Pferd. Sowohl
mich als auch das Pferd fütterte er. So sind sie.“73
2.1.4 „Es bleibt die Erinnerung daran“: Liebesbeziehungen
Weitaus euphorischer klingen die Schilderungen jener – vorwiegend männli-
cher – Interviewpartner, die Liebesbeziehungen in Österreich eingingen. Die
Assoziationskette von Frühling – Sieg – Jugend – Musik – Liebe ist bis heu-
te positiv konnotiert und mitunter romantisch verklärt. Generell lagen eine
Festlichkeit und Lebenslust in der Wiener Atmosphäre, die als beeindruckend
empfunden wurde. Dies belegen auch zeitgenössische Dokumente wie etwa
der Brief von Leonid Trilisser, den er am 6. April 1945 aus Wien seiner Mut-
ter schrieb: „Nicht weit von uns explodieren die Geschosse der feindlichen
Artillerie. Wir stehen in einem großen Hof eines Reichen, neben dem großen,
schönen Haus liegt ein großer Park mit Bäumen mit bereits kleinen Blättern,
und überall liegt ein Duft blühender Marillen-, Apfel- und Kirschbäume in der
Luft. Ich brach einen Zweig eines blühenden Marillenbaumes ab, und mit sei-
nen weiß-rosa Blüten verschönert er meine Kabine!“74 Die Erinnerung an die-
sen vergleichsweise glücklichen Lebensabschnitt begünstigt die Übertragung
schwärmerischer Gefühle auf die Wahrnehmung des Landes als Ganzes.75
71 OHI, Nikolaj Golyšev. Durchgeführt von Natal’ja Bakši. Moskau 11.6.2003.
72 OHI, Mel’nikov.
73 Ebd.
74 Sammlung Stelzl-Marx, Brief von Leonid Trilisser an Ol’ga Ioganson. Wien 6.4.1945.
75 Siehe dazu auch das Kapitel B.II.2 „Liebesbeziehungen und Folgen“ in diesem Band. Vgl. Bezboro-
dov – Pavlenko, Erinnerungen an Österreich, S. 406.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918