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2. Mündlich wiedergegebene Erinnerung: Topoi und Tabus 715
gewisse Melancholie mit, wenn die
Rede auf diese Beziehungen kommt.
Häufig betonen die Betroffenen die
Gründe, weswegen sie sich trennen
mussten. Ein Beispiel hierfür ist der
Bericht von Evgenij Obolenskij: „Ich
kann sagen, dass es manchmal Fälle
gab, dass sie sich sehr stark ineinan-
der verliebten, so, aber dann mussten
sie sich trennen. Uns, uns war nicht
erlaubt, sie mitzunehmen, und dort-
bleiben war uns nicht erlaubt.“83
Explizit kommt Vladilen Dani-
ločkin, 1924 im Gebiet Krasnodar
geboren, auf die „erste Liebe“ seines
Lebens zu sprechen: „Eisenstadt ist
für mich auch deswegen denkwür-
dig, weil ich in dieser Stadt die erste
echte Liebe meines Lebens traf. Bis
dahin war ich an der Front gewesen, ich hatte die Frauen überhaupt nicht
gekannt, und hier traf ich das schöne Mädchen Gretchen. Nachdem ich sie
gesehen und kennengelernt hatte, erinnerte ich mich die ganze Zeit über an
eine Schubert-Serenade […]. Wir trafen uns im Park des Esterházy-Schlosses.
Das war eine schöne, romantische Zeit. Wir liebten einander, und die Erinne-
rung daran blieb mir mein Leben lang. Leider verlor ich dann den Kontakt zu
ihr und ich weiß nicht, wo sie jetzt ist und wie es ihr geht.“84
Auch im Fall des damaligen Dolmetschers im Rang eines Oberleutnants
prägte die romantisch verklärte Liebesbeziehung mit einer Österreicherin des-
sen generelle Wahrnehmung der Bevölkerung: „Man muss sagen, dass unsere
Beziehungen zur zivilen Bevölkerung sehr freundschaftlich waren: Die Öster-
reicher empfingen uns, die sowjetischen Soldaten, als Befreier. Natürlich gab
es einzelne nationalsozialistische Elemente, die finster schauten und gegen uns
Stimmung machen wollten, aber das waren Einzelfälle. Sogar als wir in den
Kasernen dieser Städte stationiert waren, wurden gemeinsame Kinobesuche
und Tanzabende organisiert, und die österreichische Jugend suchte gerne den
Kontakt zu uns. Schließlich waren wir jung, alle wollten sich des Lebens freu-
en, und das brachte uns einander näher.“85
83 OHI, Evgenij Obolenskij. Durchgeführt von Natal’ja Bakši. Moskau 5.5.2003.
84 OHI, Vladilen Daniločkin. Durchgeführt von Ol’ga Pavlenko. Moskau 11.11.2002.
85 Ebd.
Abb. 119: Konstantin Arcinovič mit der Tochter
seiner österreichischen Quartiergeber in Baden
1946. (Quelle: AdBIK, Sammlung Arcinovič)
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918