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III. Formen der
Erinnerung726
Moskau, aber ich hatte sie nicht gesehen. Dort sah ich eine echte Garnitur
– wir schliefen im Schlafzimmer, wo die Garnitur stand. Und sie, offensicht-
lich räumte sie auf, weil sie fürchtete, dass ich nicht putzen werde, glaube
ich. Das war ihr Stolz. Und auf diese Weise kam sie jeden Tag zu mir, wir
unterhielten uns und so. Sie räumte alles auf, saugte, wir redeten immer
miteinander.“126
Bemerkenswert ist auch in diesem Zusammenhang die Differenzierung
zwischen der Bevölkerung in Österreich und Ungarn. Während Perlamut-
rova Erstere als sehr sauber, genau („akkurat“) und freundlich lächelnd in
Erinnerung blieb, bezeichnet sie die Ungarn abwertend als schmutzig: „Sie
verhielten sich uns gegenüber nicht gut, distanziert. Und überhaupt waren
sie so schmutzig, die Häuser waren voller Wanzen, alles Wanzen, die Häuser
dort waren voller Wanzen.“127
Manche Armeeangehörige entwickelten durch die Konfrontation mit ei-
nem anderen Lebensstandard eine gewisse Unzufriedenheit mit ihrer eige-
nen Lage. Der damalige Infanterist Sergej Kutuzov, 1925 im Gebiet Moskau
geboren, bemerkte in Österreich, wie rundherum alles „funkelte“, er selbst
aber schäbig gekleidet war: „Wir waren wie während des Krieges gekleidet.
Wir hatten Feldblusen, die wir waschen mussten. Sie waren brüchig, [die Ho-
sen] waren am Boden durchgescheuert, so gingen wir. Es war peinlich. […]
Rundherum blitzt alles, aber wir wollten aus der Stadt nicht hinausgehen.
So war das. Und dann erhielten wir blaue Feldblusen. Irgendwo hatten sie
dort blauen Stoff gekauft, gefunden. Man nannte uns dann auch noch die
‚blaue Division‘.“128 Diese neue Ausstattung erwies sich außerdem insofern
als schmachvoll, als im Russischen der Terminus „blau“ („goluboj“) auch
„schwul“ bedeutet.
2.2 „Befreier, nicht Eroberer“: zum Selbstbild
Praktisch alle Interviewpartner versuchen, ein durchgehend positives Bild
der Roten Armee zu vermitteln. Sie verweisen auf die großen Opfer, die für
die Befreiung erbracht wurden, auf Heldentaten, auf die größtenteils positive
Einstellung der österreichischen Bevölkerung den sowjetischen „Befreiern“
gegenüber und schließlich auf das gute Verhalten, das sie an den Tag legten.
„Wir kamen als Befreier, nicht als Eroberer“,129 wird mehrfach betont. Der
126 Ebd. Die Passage ist auszugsweise und in etwas abweichender Übersetzung zitiert in: Bezborodov
– Pavlenko, Erinnerungen an Österreich, S. 404.
127 OHI, Perlamutrova.
128 OHI, Sergej Kutuzov. Durchgeführt von Natal’ja Bakši. Moskau 21.11.2003.
129 OHI, Van’kov.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918