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III. Formen der
Erinnerung732
ohne Erlaubnis. Aber natürlich nahmen sie, nahmen sie, natürlich. Aber so
ein Marodieren, ein großes, gab es nicht. Aber natürlich kam das vor. Ich er-
innere mich, dass wir, als wir in irgendeiner Stadt in Österreich, in einem Ort
waren. Dort gingen wir, erinnere ich mich, in ein Zimmer, ein kleines, wie
ein Abstellraum. Dort gab es diese Schränke, wo Silberlöffel lagen, alle aus
Silber. Ich, zum Beispiel, wusste damals nicht, was Silber ist. Was macht das
für mich für einen Unterschied, wie die Gabel war, aus Silber oder aus Eisen?
Aber einige Männer, die schon etwas älter waren, einige, nun, ich weiß, das
wurde eingestellt.“149
Auch der Donkosake Nikolaj Kovalenko schildert einen Fall, den er be-
obachtete, ohne dabei Namen zu nennen: „Nach dem Krieg hatte ich keine
einzige Uhr. […] Dann wurde ja erlaubt, Pakete nach Hause zu schicken. Ich
schickte kein einziges Paket nach Hause. Hatte nichts. Wie? Soll ich etwa
suchen gehen, was ich ins Paket [gebe]? Es gibt einfach so Leute, sogar in
Rostov. Einer schickte ein Kilogramm Nadeln, ein Kilogramm Nadeln! Gab
es etwa nach dem Krieg keine Nadeln, um zu nähen, nähen? Und er wurde
‚reich‘. Er handelte mit diesen Nadeln am Markt, hier in Rostov, das weiß
ich. Solche gab es viele. Es gab auch die, die zwei, drei Waggons mit Sachen
schickten.“150
Bezeichnenderweise assoziiert Kovalenko das Thema „Uhr“ direkt mit
den Paketsendungen in die Sowjetunion und diese wiederum mit den Plün-
derungen. Doch während in Österreich die sprichwörtliche Uhrenliebe sow-
jetischer Soldaten einen der zentralen Erinnerungstopoi darstellt, kommen
Uhren in den analysierten Interviews auffallend selten zur Sprache.151 Eine
der wenigen Ausnahmen stellt die Erinnerung von Golyšev dar, der aller-
dings betont, eine Uhr eingetauscht und nicht selbst genommen zu haben:
„Wir nahmen Trophäen. Besonders Uhren nahmen wir. Uhren. Und gegen
Ende meines Spitalsaufenthalts kommt ein verwundeter Leutnant oder Ober-
leutnant. Ich trug österreichische Hosen, und in der Tasche war eine Pistole,
sichtbar, eine ordentliche, große Pistole, die absteht. Er: ‚Hör zu, Nikolaj, was
hast du da?‘ Ich sage: ‚Eine Pistole.‘ – ‚Weißt du, dass du das nicht darfst?‘
– ‚Ich weiß.‘ […] ‚Mir steht eine Pistole zu. Ich habe hier drei Uhren – wähle
aus. Für die Pistole – welche du willst.‘ Ich denke mir, wozu brauche ich eine
Pistole, werde ich etwa schießen? Und eine Uhr habe ich in meinem Leben
noch nie gehabt, ich war bereits 20. Ich schaute: eine schöne Uhr, mit einem
149 OHI, Kurilina. Durchgeführt von Stelzl-Marx.
150 OHI, Kovalenko.
151 Siehe dazu auch das Kapitel B.I.2.3.5 „‚Wie auch wir vergeben unseren Plünderern‘: Reaktionen“
in diesem Band. Vgl. Hannl. Mit den Russen leben, S. 135–137; Dornik, Besatzungsalltag in Wien,
S. 466; Marcello La Speranza, Wien 1945–1955. Zeitzeugen berichten. Graz 2007, S. 41.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918