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III. Formen der
Erinnerung734
Vergewaltigungen lassen sich hingegen nicht so leicht rechtfertigen. Zwar
war die Rote Armee seit 1941 auf Hass und Rache an den Deutschen pro-
pagandistisch eingeschworen worden, doch hatte das Militärkommando die
Soldaten im Frühjahr 1945 eindringlich aufgefordert, die österreichische Be-
völkerung „nicht zu beleidigen“. Mehrere der Interviewpartner verweisen
daher auch auf die entsprechenden Befehle von Marschall Tolbuchin. Im
Gegensatz zu den Paketen, die gleichsam als Hilfslieferungen an die Familie
in der Sowjetunion geschickt wurden, lassen sich Vergewaltigungen keiner-
lei positive oder etwa anekdotische Aspekte abgewinnen. Den Übergriffen
auf ausländische Frauen haftet – zu Recht – der Ruf an, dem Ansehen der
Roten Armee nachhaltig geschadet zu haben. So überrascht es kaum, dass
die interviewten Veteraninnen und Veteranen, allen voran Mitglieder von
Veteranenverbänden, diesen unehrenhaften Aspekt der ansonsten heroisch
konnotierten Befreiungsmission der Roten Armee möglichst aussparen oder
negieren.154
Anscheinend besteht die kollektive Befürchtung, Erwähnungen dieser
Straftaten könnten ihre Verdienste für das Vaterland schmälern. „Man [hat]
heute, wenn man Veteranen der Sowjetischen Militäradministration und
solche des Ostpreußen-Feldzuges interviewt, den vorrangigen Eindruck,
dass frühere Sowjetoffiziere das grausame Verhalten ihrer Kameraden wie
auch ihre eigene Gleichgültigkeit am liebsten aus dem Gedächtnis streichen
würden“,155 beschreibt Norman Naimark die Situation mit Veteranen aus der
ehemaligen Sowjetunion, die in Deutschland stationiert waren. Zu jenen, die
Österreich aus erster Hand kennenlernten, besteht kein bemerkenswerter Un-
terschied.
Jene Interviewpartner, die vergleichsweise offen auf Übergriffe von Rot-
armisten zu sprechen kommen, gehören bezeichnenderweise keiner Vetera-
nenorganisation an. Ein Beispiel hierfür ist der damalige Leutnant Timofej
Gorobec, der explizit auf die Rache verweist, die für deutsche Vergehen in
der Sowjetunion geübt wurde. Gorobec, 1923 im Gebiet Novosibirsk geboren,
antwortete auf die Frage, ob seine österreichischen Quartiergeber sich vor
ihm gefürchtet hätten: „Und, wissen Sie, was die Deutschen im Krieg bei uns
machten? Alle Frauen vergewaltigt und getötet! Unsere machten das auch.
[…] In Herden, in Herden gingen sie. Die Tochter legten sie flach, die Mut-
ter legten sie flach. Übten Rache, Rache. Damals sagte Chruščev ihm, dem
Deutschen: ‚Was habt ihr mit unseren [Frauen] gemacht? Ihr habt das mit
unseren auch so gemacht. Und‘, sagte er, ‚wir rächten uns dafür, was ihr bei
154 Siehe dazu die im Folgenden angeführten Beispiele.
155 Naimark, Die Russen in Deutschland, S. 111.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918