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RESÜMEE
Durch das Kriegsende und die Besatzung in Österreich kamen mehrere Hun-
derttausend sowjetische Besatzungsangehörige in direkten Kontakt mit dem
kapitalistischen Westen. Für die meisten von ihnen stellte dies die erste und
oft – für Jahrzehnte – auch letzte Möglichkeit dar, über den Tellerrand des
kommunistischen Imperiums hinauszublicken. Zumindest für einen Teil der
sowjetischen Soldaten bedeutete dieser unmittelbare Einblick in das Leben
des ehemaligen Feindes einen tief gehenden Kulturschock. Die vorherrschen-
den Lebensbedingungen unterschieden sich drastisch von jenen in der Sow-
jetunion, aber auch von dem Bild, das ihnen von Stalins Propagandamaschi-
nerie jahrelang eingehämmert worden war. Diese Diskrepanz zwischen dem
Lebensstandard in Europa und jenem in der Heimat empfanden die Sieger
vielfach als persönliche Niederlage, die zugleich Zweifel am kommunisti-
schen System per se weckte.
Die unmittelbare Erfahrung des Lebens in Österreich prägte die Wahr-
nehmung der Besatzungssoldaten von ihrer Umgebung. Als die ersten Rot-
armisten Ende März 1945 österreichisches Territorium betraten, tauchten sie
zunächst in eine fremd und feindlich erscheinende, aber auch faszinierende
Welt ein, welche die östlichen „Befreier vom faschistischen Joch“ nicht mit of-
fenen Armen empfing. Angesichts der ersten Kontakte mit der Bevölkerung
kamen nun vielfach die von der sowjetischen Kriegspropaganda geprägten
Feindbilder zum Tragen.
Seit dem Überfall auf die Sowjetunion war den Armeeangehörigen die
hasserfüllte Devise „Töte den Feind!“ eingetrichtert worden. Propagandisten
wie Il’ja Ėrenburg hatten dazu aufgerufen, die „deutsch-faschistischen Besat-
zer“ zu vernichten und Rache zu üben. Erst in der letzten Kriegsphase, als
die Rotarmisten erstmals in Berührung mit der deutschen Zivilbevölkerung
gekommen waren, hatte parallel zu dieser Kampfrhetorik eine Akzentver-
schiebung in der sowjetischen Propaganda eingesetzt. Fortan war eine kla-
re Unterscheidung zwischen den „deutschen Faschisten“ auf der einen und
dem „deutschen Volk“ auf der anderen Seite verlangt worden. „Man kann
nicht zwei Hasen gleichzeitig fangen – rächen und kämpfen. In diesem Falle
löst sich die Armee auf“,1 hatte der spätere Stadtkommandant Berlins, Gene-
ral Nikolaj Berzarin, die Notwendigkeit zur Wiederherstellung der Diszip-
lin umrissen. Den offiziellen Schlusspunkt unter diese Neuorientierung der
1 Zit. nach: Gosztony, Die Rote Armee, S. 272.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918