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tenzträgern eine gewisse Unsicherheit. Verschlechtert wurde die Situation zu-
dem durch den Marshallplan, in dem die Sowjets von Anfang an einen mäch-
tigen Feind von außen sahen. Heftige Propagandaschlachten waren die Folge.
Wie in sämtlichen Bereichen des sowjetischen Besatzungsapparates in
Österreich traten auch bei den Wirtschaftsbetrieben personelle Probleme
auf. Diese ergaben sich in erster Linie aus dem Einsatz sowjetischer Spezi-
alisten in einem westlichen – „kapitalistischen“ – Umfeld mit all seinen Ver-
suchungen, dem direkten Kontakt mit österreichischen Mitarbeitern, bei de-
nen vielfach „feindliche Einstellungen“ vermutet wurden, und mangelnden
Qualifikationen. Der Verdacht, „feindliche“ Kräfte würden den sowjetischen
Wirtschaftsapparat in Österreich gezielt unterwandern, nahm mit fortschrei-
tender Besatzungszeit sukzessive zu. Das sowjetische Personal wurde daher
eigens geschult, um Staatsgeheimnisse zu bewahren und mit vertraulichen
Dokumenten richtig umzugehen. Bei Unfällen vermuteten die Sowjets häufig
Sabotageakte von österreichischer Seite. Verhaftungen und Verurteilungen –
auch wegen Spionage – waren die Folge.
Die generelle Skepsis gegenüber dem Westen hatte mitunter direkte Aus-
wirkungen auf die weitere Karriere jener sowjetischen Staatsangehörigen, die
dort gearbeitet und gelebt hatten. Manche Spezialisten, die aufgrund der lan-
gen Dauer ihres Auslandseinsatzes, mangelnder fachlicher Kompetenz oder
aus anderen Gründen in die Sowjetunion zurückkehrten, waren an ihrem frü-
heren Arbeitsplatz unerwünscht. So beschwerte sich der ehemalige Minister
für Staatssicherheit und nunmehrige Leiter der Verwaltung des sowjetischen
Eigentums im Ausland (GUSIMZ), Vsevol’od Merkulov, im Juni 1949 direkt
bei Stalin, dass die zuständigen Ministerien und Behörden sich weigerten, so-
wohl neue Spezialisten für die Arbeit im Ausland bereitzustellen als auch in
einigen Fällen jene Mitarbeiter, die einen Auslandseinsatz bereits hinter sich
hatten, wieder zu beschäftigen. Für einige der sowjetischen Fachkräfte dürfte
die Arbeit in Österreich einen „Karriereknick“ bedeutet haben.
Moskau versuchte, die Truppen zu „hoher politischer Wachsamkeit“ zu
erziehen, ihre militärische Disziplin zu steigern und den „politisch-morali-
schen Zustand“ zu stärken. Die direkte Konfrontation mit der österreichi-
schen Bevölkerung, aber auch mit westlichen Besatzungsangehörigen barg
aus sowjetischer Sicht die Gefahr einer „feindlichen Einflussnahme“ in sich.
Zweifel an der Überlegenheit des kommunistischen Systems, Regelverstöße
sowie Vergehen, die eigentlich „nur“ strafrechtlich relevant waren, galten
als politisch motiviert und als ein Zeichen der ideologischen und politischen
Wankelmütigkeit des Betroffenen. Dies konnte strenge Repressalien nach
sich ziehen. Ein Beispiel dafür ist der Fall von Leutnant Michail M. Žil’cov,
der im Jänner 1946 in einer Offizierskantine konstatiert hatte, die Sowjet-
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918