Page - 157 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume I
Image of the Page - 157 -
Text of the Page - 157 -
1578.
April 1841
im vorüberfahren sahen wir die famose, jetzt aber beinahe ganz verstüm-
melte Statue des Pasquino; hierauf fuhren wir auf unsere Gesandtschaft,
um uns wegen der heutigen und folgenden kirchlichen functionen nähere
erkundigungen einzuholen, erfuhren aber zuerst durch lützow und dann
durch litta, daß es nicht nur nicht der mühe werth, sondern auch beinahe
unmöglich sey, die heute und morgen stattfindenden lamentationen und
das Miserere in der Sixtinischen Capelle zu hören; da wir aber diese Unmög-
lichkeit selbst versuchen wollten, entschlossen wir uns in frack zu verset-
zen, da man sonst nicht eingelassen wird, viele kamen sogar in uniform, was
aber zu gar nichts nützt, und fuhren schon um 1/2 4 Uhr hin; es war schon
gedrängt voll, und mit mühe kamen wir bis einige schritte von der thür hin-
ein, wo wir uns einen Anblick der weiblichen versammlung, unter denen es
einige charmante Gesichter gab, verschaffen konnten; nach 4 Uhr fingen die
lamentationen an, da es sich aber immer wiederholte, und ich mich nicht
entschließen konnte, des miserere’s wegen, welches erst am ende, also nach
2 stunden kommt und das einzige schöne hiebey ist, so lange in dem ge-
dränge zu stehen, arbeiteten wir uns mit tiesenhausen, der auch en grand
tenue gekommen war, wieder hinaus, gingen in die Peterskirche hinab, wo
ebenfalls dieselbe function stattfand, und fuhren dann zu ihm, wo wir eine
Cigarre rauchten, und er sich um und in Frack anzog; gegen 6 Uhr fuhren
wir wieder hin und kamen gerade noch zurecht, um das ende des misereres
in der Vorhalle des Sixtina, jedoch durch die offene Thür, anzuhören; bey der
sortie war große confusion der körper, etc., wir speisten dann alle 3 bey der
europa, an der table d’hôte und fuhren dann wieder zu tiesenhausen, wo
wir Thee tranken und schwätzten bis 11 Uhr; dann gingen wir nach Hause.
[rom] 8. April
ich habe in meinem leben kaum soviel Zeit in der kirche gesessen als heute.
um 1/2 9 uhr früh schon fuhr ich in uniform zu karaczonji ihn abholen,
und mit ihm in den Vatican, in die Sixtinische Capelle; Dank sey es unserer
uniform, für welche die schweitzer ebenso viel respekt haben, als sie für die
nicht uniformirten grob sind, kamen wir ohne besonderes drängen durch,
und zwar bis ganz vorne an die diplomatische tribune, welchen vortheil wir
aber theuer dadurch bezahlen mußten, daß wir volle 2 stunden zu stehen
genöthigt waren. indessen amusirte, ärgerte mich aber auch zugleich das
beispiellose gedränge der menschenmenge, welche gegen die schweitzer or-
dentlich sturm liefen, und die ebenso beispiellose grobheit dieser letztern,
die mit ihren geharnischten ellbogen und fäusten drein schlugen und dieje-
nigen, die sich durchdrängen wollten, sans façon beym Kragen packten und
zurück warfen; es wurden Fetzen von Fracks, Beinkleidern und Cravatten
abgerissen, kurz es gab ein wahrhaft indecentes spectakel, und ich begreife
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien