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Tagebücher166
Verwandlung; ich war entzückt! Dazu das Gewoge von Menschen, die zahl-
lose menge Wägen, das geschrei, der lärm, die musick, das rauschen der
fontainen etc. Kurz ich war ganz bezaubert; Michèl Angelo soll die Idee jener
verwandlung gegeben haben, wobey ein mensch immer 4 Pechpfannen zu
bedienen hat. Wir sahen Alles prächtig und comfortable aus unserem Wagen
an, machten dann durch das größte getümmel und geschrei im Wagen den
tour des Platzes und fuhren dann al monte Pincio, um das schauspiel von
ferne zu betrachten.
hierauf führte mich litta zum sardinischen gesandten grafen Broglia di
Mombello, wo aber nichts als Cardinäle, Monsignori und Herren waren; ich
hätte mich also weidlich ennuyirt, wenn ich nicht eine collection interessan-
ter Autographen gefunden hätte, die ich durchblätterte; es waren darunter
welche von catherine und marie de medicis, heinrich ii., dem régent, Prinz
eugen, carl Borromeo, etc. hierauf fuhr ich nach hause.
Also morgen Abends 11 uhr verlasse ich rom, ungern, denn ich würde
sehr gerne noch lange hier bleiben. Alles sprach mich hier an, ausgenommen
das materielle der stadt, und namentlich die société, die jetzt nach ostern
zwar um vieles kleiner, jedoch viel animirter wird. ich habe noch aus al-
ter Zeit her eine große vorliebe für engländer, oder eigentlich engländerin-
nen, und so fand ich mich hier ganz in meinem Elemente; meine besseren
Bekannten, die ich in der letzten Zeit machte, waren ludolfs, nugent, gal-
veston, Percevals, miss sharp, eine superbe, üppige und unendlich kokette
Person, rowley, etc. übrigens war diese ganze Zeit eine so unaufhörliche
hetze, daß ich nicht dazu kam, eine menge leute zu sehen, oder doch zu
sprechen, welche ich sonst besucht hätte; so Gräfin Molly Zichy, die Czar-
toryski-radziwill, steffi karolyi, fürstin dietrichstein-schuwaloff, gräfin
Buol, etc. Alle diese sah ich gar nicht oder nur von weitem; einen längeren
séjour aber in rom denke ich mir als sehr angenehm.
morgen also mache ich noch ein Paar Abschiedsvisiten, speise dann bey
graf lützow, und fahre nach der girandola ab.
florenz 16. April morgens
Am ostermontag 12. dieses monats war ich vormittags ziemlich lange mit
einpacken beschäftigt und ging dann, oder fuhr vielmehr, einige nothwen-
dige Abschiedsvisiten machen, theils en personne, theils par carte, so z.B. zu
unsern herren von der Botschaft, zu ludolf, szapary, mrs. Perceval, mrs.
nugent, etc. Auch ging ich zum Bilderhändler raffaeli in der meinung, dort
Antiquitées, camées, etc. zu finden, fand aber nichts was mir gefiel.
später ging ich zu einem daguerréotypiste mr. compas, via di due
macelli, dessen Adresse mir litta gegeben hatte, um von ihm mein portrait
machen zu lassen; 1 1/2–2 Minuten waren dazu erforderlich, mir ward aber
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien