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16917.
April 1841
[florenz] 17. April
Dann machte ich dem Gesandten Graf Rewiczky meine visite; wir sprachen
viel von venedig, mailand, Palffy, spaur, etc., welches Alles, da er lange
beym Erzherzog angestellt war, ihn interessirt; er klagte mir über Florenz,
den séjour und die gemischte gesellschaft, und schien mir überhaupt ein
guter aber krantiger1 alter herr, welcher zu allem eher taugt, als zu einem
Diplomaten; er bedauerte, mich nicht seiner Frau vorstellen zu können, da
sie unwohl sey, welche Ausrede er aber Allen machen soll.
hierauf déjeunirte ich zu hause mit tiesenhausen, und wir gingen dann
zusammen einen guten freund und landsmann von ihm, Baron grothus be-
suchen, mit welchem wir dann herumstiegen, dann flanirten wir Beyde lange
allein herum, gingen in die domkirche, in die gallerie medicis, welche aber
gerade geschlossen wurde, in den garten Boboli etc., wobey ich ihm als cice-
rone diente und sehr froh war, schon Alles zu kennen und blos mehr das an-
sehen zu dürfen, was mir wirklich vergnügen macht, nähmlich die galerien.
um 6 uhr aßen wir mit grothus vortrefflich an der table d’hôte und nah-
men dann eine loge im theater ognis[s]anti, einem kleinen theater de der-
nier ordre, wo wir 1/2 Paul entrée zahlten und dafür unbegreiflicherweise
eine oper, l’inganno felice, und ein großes Ballet in 5 Ackten, robert le
diable, mit männlichen und weiblichen corps de Ballet, Pas de deux, Pas de
cinq etc. [sahen], freylich war Alles über alle Begriffe miserabel, aber mich
amusirte es ebendeßhalb, und besonders frappirte mich das decente Ausse-
hen und Benehmen des Publikums; wie wohl thut es einem hier, kein zer-
lumptes, bettelndes, interessirtes, demoralisirtes volk mehr zu sehen, wie in
rom! tiesenhausen und ich hatten einen separatspaß mit grothus, welcher
auf das wahnsinnigste mit einer häßlichen kleinen fürstin lobanoff (habi-
tante de l’ile de cuba, cu-bas) kokettirte, oder eigentlich wie es scheint mit
ihren rubeln, denn sie ist eine sehr gute Parthie, und grothus scheint über
das Alter einer leidenschaft zu einem mädchen hinaus und zudem in Allem
und Jedem ein calculirender kopf (spieler von Profession nebenbey) zu seyn.
gestern früh schrieb ich Briefe und fuhr dann zu orsini, wo ich sie zu
hause fand und von ihr engagirt wurde, am Abend mit tiesenhausen zu
ihr ins theater della Pergola zu kommen. um 1 uhr fuhren ties. und ich
mit Grothus in die Cascina zu den letzten der dießjährigen Wett-Rennen;
es war viel elegantes Publicum, hauptsächlich fremde, eine menge Wägen,
reiter etc., aber sehr wenig volk da, wie überhaupt diese mode im eigent-
lichen Publicum und selbst wie man sagt bey hofe kein sonderliches ver-
gnügen erregt, da sich viele der ohnehin nicht reichen florentiner dabey
ruiniren, so z.B. die Poniatowskys; übrigens sind die Hauptmoteurs Fremde,
1 krantig, heute meist grantig – missmutig, mürrisch.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien