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1797.
Juni 1841
und mit aller Vehemenz ihres Characters; dann ist man aber auch ein
geplagter mann und hat keine chance, unter 10–15 Jahren loszukom-
men.
[mailand] 3. Juni
gestern erhielt ich seit längerer Zeit wieder einen Brief von meiner guten
lottum, welche auf mich immer einen so ganz besonderen eindruck machen
sowohl wegen meiner ganz besonderen Zuneigung für die schreiberin, als
weil sie mich an eine freye, independente epoche meines lebens erinnern,
welche, so gott will, in Bälde wiederkehren und mich von all den erbärm-
lichen kleinlichkeiten befreyen soll, welche ein maschinenmäßiges, geist,
zweck, und thatenloses Leben mit sich führt; manches kocht und arbeitet
in mir, welches in kurzem zum Ausbruch kommen wird, und selbst meine
große südamerikanische reise, welche fester als je vor mir steht, soll mir
nur als mittel zu dem dienen, was ich suche: nahmen, Bedeutung und eine
meiner würdige, großartigere thätigkeit.
Gräfin Lottum schreibt mir aus Kissingen sehr leidend und angegriffen;
sie gibt mir so halb und halb ein rendez-vous in interlacken im laufe dieses
Sommers; das wäre doppelt schön, Interlaken und sie; für jedes derselben
allein würde ich eine reise unternehmen.
so wie die taglioni weg ist, am 12. tanzt sie das letzte mal, mache ich auf
einige tage eine disparition von hier und établire mich in irgend einer ein-
siedeley, ganz incognito; ich muß meine Gedanken wieder ein Mal sammeln
und mit mir selbst ins Klare kommen; hier versplittert man seine Zeit mit
lauter riens.
gottfried wird mit nächsten hier ankommen, um zu seinem regimente
einzurücken; ich freue mich sehr ihn zu sehen.
[mailand] 7. Juni
heute schrieb mir Auguste [horrocks], wieder wie gewöhnlich einen Brief
voll häuslichen Unglück und Verdruß; Dank sey es ihrem butor von Vater,
der, scheint es, mit jedem Tag unleidlicher wird; es thut mir wirklich herz-
lich leid um die Arme, die in solchen Verhältnissen verkümmern muß; das
ist es, worin die Weiber am meisten zu beklagen sind, daß sie keinen Zu-
fluchtsort, keine Entschädigung gegen häusliches Ungemach haben; verfolgt
sie einmal dieses, so drückt es sie auch darnieder.
das Beste aber an der sache ist, daß Auguste, welche hoffnung hat, die-
sen sommer einen trip auf den continent zu machen, mir in Baden-Baden
ein Rendez-vous gibt; es ist, als ob die Laune des Schicksals sie und die Lot-
tum beständig zusammen führen wollte, vor 2 Jahren so wie jetzt. Auch gibt
sie mir gute nachrichten von John, welcher in Adelaide-town, vandiemens-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien