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Tagebücher184
halber entweder ins Theater oder zu Spaur theils fuhr, theils ging; sonst
habe ich keine langeweile empfunden, im gegentheil regrettire ich es, daß
eine solche Zeit der Muße nicht länger dauert; wie viel Nützliches könnte ich
da nicht lernen!
das einzige unangenehme dabey war, daß ich eine menge nothwendiger
Dinge, u.a. meine Bücher und dieses Tagebuch in Monza gelassen hatte; ge-
stern schickte ich denn meinen Jäger darum, meine Pferde sind auch seit 2
Tagen draußen, da eben großer Roßmarkt dort ist; aber wie mir mein Jäger
sagt, ist wenig Aussicht, sie dort zu verkaufen, was mich sehr contrecariirt,
da ich sie gerne los wäre; dieser Kauf war eine Lection; ich bin damit heillos
angeschmiert worden. Zudem möchte ich auch mein haus bestellen, da ich
die Absicht habe, mitte oder ende July in die schweitz zu gehen. gräfin lot-
tum schrieb mir diese Tage wieder von unserm projectirten Rendez-vous; ich
freue mich kindisch darauf.
In der Familie Horrocks hat sich eine gräßliche Catastrophe zugetragen;
der vater, welcher schon seit längerer Zeit durch seine launen und unmuth
die geißel der seinigen war, und der nebstdem, wie es scheint, an dem ver-
mißten dampfboot, President, bedeutende summen verlohren hat, hat sich
am 7. dieses Monats selbst entleibt; Clara fand ihn todt im Garten liegen;
man kann sich die Verzweiflung der famille denken; Auguste schrieb mir 2
desperate Briefe, welche ich sogleich beantwortete; wie gewöhnlich exaltirt
gibt sie mir meine freiheit zurück, indem eine verbindung mit ihrem, nun-
mehr stigmatisirten Nahmen nicht mehr zulässig wäre; die Arme! sie weiß
nicht, daß ich jeden gedanken an eine solche schon längst aufgegeben habe
und von aller leidenschaft vollkommen geheilt bin, und nichts mehr als eine
warme, innige Freundschaft für sie fühle; ein Mann hat nicht die Zeit, sein
lebenlang einer zweck und hoffnungslosen passion nachzuhängen.
Was sie nun beginnen werden, soll ich noch erfahren; sie trachten, dieses
ereigniß so gut wie möglich zu vertuschen und zu verhüten, daß es in die öf-
fentlichen Blätter kommt; das Verdict der Jury war temporary derangement.
[mailand] 5. Juli
da sitze ich, schon wieder krank und elend und mit der angenehmen Per-
spective, noch 5–6 tage zu sitzen. schwach durch vielen Blutverlust und
purgiren, kann ich mich mit nichts lange beschäftigen, und daß ich jetzt
schreibe, geschieht par contrebande, denn ich sollte in einem fort ausge-
streckt liegen, aber der Teufel halte das aus; übrigens ist meine Hand so
schwach, daß ich fühle, ich würde nicht lange fortschreiben können. Also ich
habe wieder das nähmliche leiden, welches ich im Winter hatte, nur stärker
und entwickelter als damahls; als ich in voriger Woche den Ansatz hiezu
bemerkte, soignirte ich mich nicht genug, oder eigentlich ich ging um einige
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien