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18719.
Juli 1841
mache vielleicht von dort ganz incognito einen Abstecher nach stuttgardt in
Angelegenheiten meiner südamerikanischen reise, welche sich immer mehr
und mehr in mir verkocht, und kehre dann hieher zurück, bis ich im Winter
nach Wien gehe, um dort an meinem schicksal zu rütteln. violà mes projets.
[mailand] 19. Juli
ich führe jetzt ganz so ein ruhiges leben wie ich es wünsche, und befinde
mich sehr wohl dabey. der Artzt hat mir nähmlich verbothen, viel und be-
sonders während der heißen stunden auszugehen, und so lasse ich mir die-
jenigen meiner Ackten, welche nicht meinem concepts Pracktikanten zufal-
len, nach hause bringen, wo ich täglich bis gegen 5 uhr nachmittags bleibe,
dann gewöhnlich ein Bad nehme und ausgehe. dabey finde ich denn, nebst
jenen geschäften, noch vollauf Zeit, mich mit meinen Büchern zu beschäfti-
gen und an der vollendung meines Werkes zu arbeiten, welches einige um-
gestaltung erfährt; ein Beweis wie viel kostbare Zeit durch das Bureaulaufen
unnütz versplittert wird.
kaum als ich insoweit hergestellt war, um ausgehen zu können, ging ich
zum grafen spaur, um mit ihm über meine neuerliche Abweisung zu spre-
chen, nachdem ich ihm von meinem gesuche früher nie etwas gesagt hatte,
weil ich den Augenblick abwarten wollte, wo es um Bericht an ihn kommen
würde; dieß ist aber, wie ich durch ihn erfuhr, gar nicht geschehen, sondern
das gesuch wurde, nachdem es 3 monathe gelegen hatte, ohne Weiteres
abgewiesen; ein sehr unceremoniöses und unobligeantes Vorgehen. Spaur
sagte mir, was ich schon wußte, daß er en maxime gegen alle supernumerä-
ren Anstellungen sey, und ich sagte ihm dagegen, daß, da ich ein mal lancirt
sey, mir nichts übrig bleibe, als in der begonnenen Carrière fortzudienen;
davon war er nun ebenso überzeugt, und somit endete diese nothwendige
explication.
clementine mocenigo ist seit ein Paar tagen hier, ziemlich leidend und
übel aussehend. die arme frau hat sich mit ihrer heirath gewaltig verrech-
net; sie glaubte, eine Convenienzheirath zu machen, wobey sie ihren Mann
nur wenig um und bey sich haben würde, eine calme, ruhige ehe, wo jeder
Theil seinen Weg geht, ohne sich gerade weder zu lieben, noch zu hassen;
statt dessen aber hat sie in mocenigo einen ganz höflichen, aber unbeug-
samen haustyrannen gefunden, welcher ihr nicht von der seite geht und
mit der besten Art von der Welt in jeder kleinigkeit unbedingte unterwür-
figkeit verlangt; bis jetzt geht das Ding noch so ziemlich gut, und Clemen-
tine scheint viel nachgiebiger und vernünftiger zu seyn, als ich je gedacht
hätte; aber wie es sich in der Folge machen wird, wissen die Götter. Ihre
eltern machen aus lauter gutmüthigkeit das ding nur immer ärger, indem
sie sie unaufhörlich bedauern und auch unaufgefordert ihre Parhey nehmen;
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien