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Tagebücher188
kurz sollte ich jemals heirathen, so würde ich nichts so sehr fürchten als eine
schwiegermutter.
Von Gräfin Lottum schon lange keine Nachrichten; ihre Briefe werden
darüber entscheiden, was ich diesen Sommer unternehme; kömmt sie, wie
ich hoffe, in die schweitz, so gehe ich auch dahin, und niemand ist glück-
licher als ich; kann sie dieses aber nicht, so weiß ich selbst noch nicht, was
ich anfangen werde; irgend wohin gehe ich jedenfalls, denn die Landluft ist
mir ohnehin anbefohlen, d.i. wenn ich ganz gesund seyn werde, nähmlich in
einigen Wochen; ich hätte wohl Lust, nach Baden-Baden zu gehen, wenn die
reise nicht soviel geld kosten würde.
Von Gabrielle weiß ich auch schon lange Nichts; der Hof soll in 14 Tagen
ungefähr hieher zurück kommen, und so werde ich sie denn auch längstens
bis dahin sehen; dann geht der Hof nach Turin, da die Heirath der Erzher-
zogin Adèle mit dem herzog von savoyen richtig ist und noch diesen herbst
stattfinden soll.1
diese tage begegnete ich auf dem corso giuseppina leva, die Prima-
donna, für welche ich im Jahre 1837 in görz und umgebungen so merkwür-
dige dumme Streiche machte; ich mußte ihr versprechen sie zu besuchen, und
that dies heute. die arme Person, sie war nie besonders hübsch, obwohl im-
mer recht apetittlich [sic] und voller Feuer; seitdem war sie aber 2 Jahre in
Algier, und die africanische sonne scheint sie jämmerlich zugerichtet zu ha-
ben, wenigstens schien sie mir jetzt beinahe grundhäßlich geworden zu seyn;
sie aber scheint ordentlich in mich verliebt; trotz aller Bescheidenheit kommt
mir das so vor; es gibt kein unangenehmeres Gefühl, als mit einer ehemaligen
flamme zusammen zu treffen, welche man mit so ganz veränderten Augen
ansieht, während sie noch immer so zärtlich thut wie damahls; und dieses
gefühl zu empfinden war ich leider schon einige male in der lage.
Im Übrigen ist Mailand ziemlich langweilig; das Theater, wenigstens die
scala, ist geschlossen, und pour comble de malheur hat mich eine kleine vi-
ceflamme von mir während meiner krankheit plantirt und sich einen gesun-
den, robusten liebhaber ausgesucht, worin man ihr eigentlich nicht unrecht
geben kann; wahrscheinlich war ihr indessen die Zeit lang geworden; es war
ein recht hübsches mamsellchen, nicht von hohen stande, sondern ganz be-
scheidener Weise die tochter der portinaja meines freundes emil Belgio-
joso.
graf und gräfin orloff sind nun aus florenz hier, bey ihrer tochter
Orsini, wo ich sie ziemlich oft sehe; die Mutter ist eine der amusantesten
1 die hochzeit von erzherzogin Adelheid, der tochter des vizekönigs rainer, mit ihrem cou-
sin vittorio emanuele, herzog von savoyen und thronfolger, 1849 könig von sardinien-
Piemont, fand erst am 12.4.1842 statt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien