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18920.
Juli 1841
frauen die ich kenne. sie ziehen nun bald Alle zusammen nach como. dort
ist auch, wie ich gestern hörte, meine freundin larisch-haugwitz, welche
ich mir vornehme zu besuchen, sobald ich das fahren vertragen kann; auch
soll ich nach Brescia, wo die ronzi singt, kurz figaro quà, figaro là.
gottfried liegt noch immer wie ich höre an seinem erstlingstripper dar-
nieder; er hat seit seiner Abreise nichts von sich hören lassen; der arme Teu-
fel pfeift wahrscheinlich vor Schmerzen; aller Anfang ist schwer.
[mailand] 20. Juli
heute schrieb mir flore, hardegg hätte ihr unter dem siegel des größten
geheimnisses vertraut,daß erzherzog rainer ihm gesagt habe, es sey gerade
jetzt etwas für mich im Werke, nähmlich man würde mich mit Avancement
nach Triest schicken; nun geht mir zwar das Ding nicht recht in den Kopf,
da es mir gar zu unwahrscheinlich vorkömmt; jedoch hat diese Nachricht, so
wenig ich auf ihre Wahrheit baue, mich doch ordentlich verstimmt; ich wäre
unglücklich, wenn sie sich bestätigte, was ich aber auf keinen Fall glaube;
kaum von dem fluche der kleinen städte und spießbürgerlichen existenz
erlöst und glücklich in der hoffnung, in meinem leben nichts mehr mit je-
ner größten aller Qualen zu thun zu haben, sollte ich wieder in ein solches
verwünschtes nest zurück? das wäre zum rasendwerden. Zudem triest,
so ganz außer der Welt, jede reise, welche man von dort aus unternehmen
wollte, ein wahres Riesenwerk. Die Menschen lauter Halbwilde; freylich
wäre es jetzt, wo durch stadion, lanckoronski und Waldstein ein Anfang von
gentlemen dahin gekommen ist, um einen gedanken besser, aber noch im-
mer schlecht genug, um mich zur Verzweiflung zu bringen; ich habe keinen
ehrgeitz, mein reich ist nicht von dieser, d.h. von der Beamten-Welt, den
miserablen stolz, ein Paar Jahre früher als ein Anderer gubernialsecretär
zu werden, obwohl mir die Besoldung gerade nicht unangenehm wäre, habe
ich nicht; je ne demande pas mieux, als que l’on me laisse en repos, und ich
befinde mich hier so wohl, daß ich jede Änderung fürchte; hier habe ich was
ich brauche, freyheit, geistige nahrung und ein ungebundenes leben, und
wenn auch noch manches abgeht, besonders ein gesellschaftliches leben, so
verschmerze ich doch gern diesen Abgang über die vielen andern vorzüge
dieses Aufenthaltes. darum, nur um gotteswillen, lasse man mich in ruhe,
und übrigens scheint es mir auch durchaus nicht wahrscheinlich, daß man
so etwas mit mir vorhat; es paßt so gar nicht zu dem maschinenmäßigen
Schlendrian unseres Dienstes und zu meiner neuerlichen Abweisung; im
vergleich zu der ernennung, mit welcher mir jetzt gedroht wird, würde ich
jene Abweisung als eine wahre gnade segnen und dankbar anerkennen.
man spricht jetzt hier und in Wien von nichts als der großen handels-
crisis in Wien. geimüller und steiner haben um énorme summen fallirt
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien