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Tagebücher194
von eintrittskarten, welche, sagt man mir, gestern früh um 50 lire ver-
kauft wurden, gekommen, die sich dann über ihr stimmrecht nicht auswei-
sen konnten; es wurde demnach eine Untersuchung ihrer pouvoirs verlangt;
die Anhänger der route über Bergamo waren dagegen, und über dem hin
und herdisputiren verstrich die Zeit, bis der regierungs-comissär die sit-
zung aufhob. eskeles spielt ein gewagtes und schmutziges spiel, übrigens
hat er die ganze hofkammer und vice-königliche kanzley im sacke, und
diese geben sich hiebey auffallende Blößen; so kam erst vorgestern eine Staf-
fete [sic] von Wien, man solle den Actionnären bedeuten, im falle sie sich für
Bergamo entschieden, um die Concession des Privilegiums zu erhalten; heißt
das nicht offen Parthey nehmen? in der hiesigen handelswelt geht aber jetzt
noch etwas Anderes vor, welches das unerklärliche und rasche steigen des
Preises der Zwanziger1 motivirt; diese stehen nun auf 119–120 Lire di Mi-
lano, während sie sonst auf 115 standen; wahrscheinlich werden die Zwan-
ziger versendet oder eingeschmolzen. Auch die österreichischen Banknoten
haben jetzt sogar einen agio, weil in folge der fallimente in Wien hier nie-
mand mehr Wechsel dahin haben will.
seit 3 tagen ist die scala wieder offen, man gibt die vestale von merca-
dante; meine protégée Madame Fink-Lohr wurde ziemlich kalt empfangen;
ich habe ein eigenthümliches unglück mit meinen schutzbefohlenen. es
geht mir jetzt allmählich besser, obwohl ich noch immer sehr behutsam seyn
muß, in 8 tagen aber hoffe ich völlig hergestellt zu seyn, und dann gehe ich
auf einige Zeit an den comer see und später wahrscheinlich in die schweitz,
obwohl ich von gräfin lottum noch immer nichts weiß.
letzthin schrieb mir Auguste [horrocks] und sprach mir von ihrer zu-
künftigen Existenz und ihren Plänen; das hinterlassene Vermögen ihres
vaters hat sich nähmlich in folge seiner unglücklichen speculationen sehr
vermindert, wie sich jetzt gezeigt hat, und beträgt mit Ausschluß von Beo-
mond [?], welches beinahe unproductiv ist, und der ländereyen in Austra-
lien, welche wenigstens für den Augenblick auch nicht viel eintragen, kaum
7–8000 Pfund, in welche sich nun 10 geschwister theilen sollen! Auguste
hat nun die Absicht, ihren Antheil fahren zu lassen und irgendwo als gou-
vernante ihr Unterkommen zu suchen; sie frägt mich um Rath, und ich weiß
wahrhaftig nicht, wozu ich ihr rathen soll; so edel ihre Absicht ist, so halte
ich sie nach ihrem independenten character doch für eine solche Beschäfti-
gung nicht für geeignet; übrigens kann man auf eine Distanz von 500 Meilen
kaum einen guten rath geben, und so mag sie thun, was sie für das Beste
hält. gegenwärtig predigt der berühmte Barbieri hier in der kirche san fe-
dele, die immer zum Erdrücken voll ist; so gerne ich auch möchte, werde ich
1 Die 20 Kreuzer-Münze, die wichtigste im Umlauf befindliche Silbermünze.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien