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19531.
August 1841
wohl doch nicht dazu kommen ihn zu hören, da mir das vormittagsausgehen
und das lange stehen verbothen ist.
[mailand] 22. August
es ist nun heute der 6. tag, daß ich zum 3. male recidiv bin und zu hause
sitze, dießmal wohl am längsten und beschwerlichsten; man hat mir nun
schon 2 mal Blutegel gesetzt, und es geht besser, jedoch nur sehr langsam,
und bis ich ausgehen darf, werden wohl noch 3–4 tage vergehen. so ist es
denn mit meiner Schweitzerreise für dieses Jahr nichts; denn bis ich reisen
dürfte, werden wohl noch 14 Tage vergehen, und dann ist es zu spät; meine
unfälle im vorigen Jahr haben mich gewitzigt, der monath september ist für
die schweitz schon zu spät. ich werde also fürs erste wohl nur nach como,
oder an den L. Maggiore gehen; bis gegen den 15. September möchte ich auf
jeden fall mein Bureau wieder besuchen, da ich doch im november, ehe der
vicekönig nach venedig geht, mein gesuch um Beförderung erneuern will.
der hof kommt erst Anfangs october, und somit auch gabrielle, denn der
vicekönig erwartet in Wien die rückkehr des kaisers von grätz, ischl und
salzburg, worauf dann die vermählung der erzherzogin Adèle per procura
in schönbrunn am 23. september geschehen wird.
ich war die ersten tage meines haus-Arrestes sehr mißmuthig und klein-
müthig; der Ärger über meine vereitelten Projeckte, der Enui meiner unun-
terbrochenen einsamkeit und die langwierige seckante krankheit selbst be-
rechtigten mich dazu; jetzt habe ich mir raison gemacht, erwarte aber meine
Genesung mit nicht minderer Ungeduld; ich lese wie ein Verzweifelter, und
in den ersten tagen, zu meiner schande sey es gesagt, enfoncirte ich mich
in Paul de kock. dazu kamen auch noch unangenehme und langweilige ge-
schäfte wegen meines beabsichtigten Anlehens bey der sparkasse in Wien,
welche bey der schläfrigkeit desimon’s nicht vorwärts gehen wollten, und
mich somit, da ich auf die baldige Beendigung derselben rechnete, in verle-
genheiten bringen könnten.
[mailand] 31. August
Aus 3–4 tagen, wie ich letzthin meinte, sind nun 9 tage geworden, und ich
kann noch immer nicht ausgehen; wider Erwarten langsam schreitet meine
genesung vorwärts, und ich habe wohl nie so harte geduldproben bestan-
den, als diese Tage, wo mir oft ganz verzweifelt zu Muthe war; und indessen
schreitet die Jahreszeit vorwärts; hier ist es freylich noch heiß und sommer-
lich so wie nur je früher, aber mit der schweitz ist es doch aus für dieses
Jahr, und das kränkt mich; ich hätte die Gräfin Bombelles sehr gerne be-
sucht und hatte auch sonst noch andere Projeckte. geduld, l’homme propose,
etc.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien