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Tagebücher196
statt dessen sitze, oder eigentlich liege ich nun da, lese oder schreibe den
ganzen lieben tag, und da nun schon ziemlich lange Abende, welche dadurch
noch länger werden, daß ich bey diesem ruhigen leben wenig schlaf habe
und daher spät zu Bette gehe, und ennuyire mich oft, daß es einen stein
erbarmen möchte; freylich habe ich täglich Besuche, aber was ist das im Ver-
gleich mit 17–18 stunden, die ich täglich mit lesen, etc. zubringe, so daß ich
oft geistig so müde bin wie ein altes fiackerroß!
eine hübsche junge Person, die sich einbildet, meine amorosa zu seyn,
kommt auch manchmal mich besuchen und unterhält mich am besten, da
sie mir mit einer charmanten unbefangenheit alle ihre kleinen leid und
Freuden erzählt; heute ist ihr ein Kanarienvogel krepirt, gestern warf ihr ihr
vater einen teller vor die füße, weil er ein steinchen in dem risi fand etc.,
es gibt doch kein fröhlicheres harmloseres geschlecht auf erden als diese
mailänder grisettes!
gottfried war auf ein Paar tage hier und wohnte bey mir, was mich ein
Bischen zerstreute; ich hatte ihn herein citirt, weil man mir von Schulden,
etc. geschrieben hatte, was ich ergründen wollte; es ist aber nicht so arg als
man glaubte; es ist ein vortrefflicher Bursche, schade daß er nicht alle die
Anleitung hat, die ihm wohlthätig wäre.
im grunde ist mir meine gegenwärtige reclusion von vielen nutzen, da
ich während derselben mehr lese und studire, als vielleicht in dreifacher Zeit
unter anderen Umständen; ich fange nun an, viel über America und des-
sen Zustände zu lesen als vorbereitung zu meiner reise, welche immer noch
mein Lieblings Gedanke ist; ich habe mit Tocquevilles Werk über die Ver-
einigten Staaten den Anfang gemacht;1 leider aber gibt es wenigstens mei-
nes Wissens über spanisch America, welches gerade das Ziel meiner reise
wäre, wenig oder gar kein befriedigendes Buch. Auch beendete ich dieser
tage mit vieler mühe des Baron corvaja famoses (wenigstens in mailand,
seinem entstehungsorte, famoses und durch neipperg mir angepriesenes)
Buch, la Bancocrazia, welches aber ein erbärmliches Produckt ist,2 corvaja
interessirte mich, als er noch da war, jetzt ist er in Paris, wo er dem minister
humann ein Anleiheproject presentirt hat, denn er ist ein Projecktenmacher
von profession, durch seine rednergabe und Persönlichkeit, aber sein Werk
blieb weit unter meiner erwartung.
1 Alexis de tocqueville, de la démocratie en Amérique. 2 Bde. (Paris 1835–1840).
2 Giuseppe Corvaja, La bancocrazia o il gran libro sociale novello sistema finanziario che
mira a basare i governi su tutti gl’interessi positivi dei governati. 2 Bde. (mailand 1840–
1841).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien