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November 1841
nach Allem dem ist ihre leidenschaft zu ihm zu ende, edel und großmü-
tig wie sie ist, sagte sie mir grad noch gestern, sie sey noch bereit zum ver-
geben und vergessen, ich aber sah es, und sagte ihr es: mit der liebe sey es
rein aus, er war ihrer nicht werth. Aber zu bewundern ist die frau, was sie
gethan, und wie sie es gethan.
sie ist sehr, und zu ihrem vortheile, in ihrem innerlichen geändert, im
Physischen ist sie es gar nicht, nur daß sie weit besser und gesünder aus-
sieht, vollkommen heiter, ja sogar kindisch, von einer beständigen, unver-
siegbaren heiterkeit, welche mich glücklich macht. kurz ganz so wie ich
mir eine liebenswürdige, distinguirte frau dachte, aber nie eine sah. da-
bey machte ich große fortschritte, und als wir heute nach tische bis spät
Abends beym ofen zusammen saßen (gestern waren wir in der oper), da
brach es denn bey mir los, und ich sagte ihr denn Alles, was sie ohnehin
längst gemerkt hatte und was mir seit 2 Jahren auf dem herzen lag, sie
wehrte meine rede durch allerley scherz und Zwischensätze ab, jedoch so,
daß ich den muth nicht verlor, welchen ich Anfangs wirklich ebenso wenig
gehabt hatte, als vertrauen auf erfolg. und doch ging es dießmal besser, als
ich es erwartet habe, und als ich am ende unserer discussion meinen Arm
um sie schlang, ließ sie es geschehen, lehnte ihre stirne an meine schulter
und erwiederte meine küsse, wer war glücklicher, wer seliger, als ich, noch
jetzt befinde ich mich in einer ungewöhnlichen Aufregung und fühle ihre
lippen und ihren Arm, so hätte ich denn erreicht, was mir Jahre lang als ein
traum, als ein luftschloß erschien! es kömmt mir noch nicht ganz wahr vor,
und ich fürchte noch immer, es sey die Aufregung des momentes gewesen,
und nichts weiter.
sie will, daß ich ihr morgen mein tagebuch bringe, welches ich in der
schweiz vor 2 Jahren geführt, und von dessen existenz ich ihr dummer
Weise sprach, und sie scheint hierin ihr köpfchen aufsetzen zu wollen, so
daß es wohl heißen wird, gehorchen, ich habe es so eben angstvoll durch-
gegangen, denn ändern läßt sich darin nichts mehr, und habe es ziemlich
praesentable gefunden, bis auf einige Ausdrücke, die sie choquiren könnten.
[mailand] 13. november
das glück ist zu ende. der Zauber gebrochen, und ich befinde mich wieder
auf kalter, nüchterner erde, wie gewöhnt man sich doch so leicht an gu-
tes, und so unendlich schwer an dessen Aufhören. vorgestern, also den tag
nach meiner mir fast unfreywillig entschlüpften, aber gut aufgenommenen
declaration, ging ich mit einer gewissen Bangigkeit zu gräfin lottum, weil
Johann Bernhard graf rechberg seit 1841 legationsrat an der österreichischen gesandt-
schaft in der schwedischen hauptstadt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien