Page - 214 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume I
Image of the Page - 214 -
Text of the Page - 214 -
Tagebücher214
könnte mir vielleicht mein verhältniß zu lerchenfeld in Wien von nutzen
seyn.
rosine Picco ist seit den letzten tagen november hier, that Anfangs ent-
setzlich verliebt und glaubte, ich müsse den ganzen tag bey ihr stecken, ich
aber zog mich meisterhaft aus der schlinge, ohne eine scene, ohne explika-
tion setzte ich mich auf den fuß, ganze tage lang auszubleiben, ohne mich
denn auch nur zu entschuldigen oder einen vorwand anzugeben, sondern die-
ses ganz natürlich und als ob es sich von selbst verstünde findend, sie mag
sich innerlich darüber ganz entsetzlich geärgert haben und wollte es auch
Anfangs zeigen, was ich aber nicht zu bemerken schien, und nun habe ich das
spiel gewonnen und gehe nur so oft, als es mir gerade ansteht, hin, dann aber
thue ich mit ihr Alles das, was ich wünsche, das ist denn sehr bequem, denn
sie ist wirklich hübsch und ganz besonders feurigen temperaments.
dieser tage erhielt ich einen Brief von Auguste [horrocks], worin sie
mir nichts geringeres schreibt, als ihre Absicht, nächstens auf den conti-
nent und zwar wohin? gerade nach florenz zu kommen. die camerata hat
nämlich sie und clara eingeladen, den Winter bey ihr zuzubringen, welches
dann entweder in florenz oder auf dem lande bey görz geschehen würde.
das wird nun für mich eine schöne Bescherung. von florenz muß ich sie
um jeden Preis abzureden trachten, denn da käme ich zwischen zwey feuer,
was höchlich unbequem wäre, überhaupt wäre mir lieber, sie bliebe daheim,
denn ich habe weder Zeit noch lust, ihretwegen nochmals die Welt zu durch-
streifen, mehr als ich es ohnehin mit nächstem werde thun müssen, und
meine Pläne sind nun eben so festgesetzt und ineinandergreifend, daß ich
ihr auch keine Woche widmen könnte, auf der andern seite aber möchte ich
ihr um jeden Preis den schmerz ersparen, mich so erkaltet zu finden, da
dieses für sie ganz gewiß ein donnerschlag wäre. ich muß daher auf einen
Ausweg sinnen.
im übrigen geht das leben seinen gewohnten gang, soiréen, diners die
fülle. die mailänder damen scheinen sich nach und nach zu apprivoisi-
ren, im salon spaur finden sich davon immer mehr ein, und zwar stufen-
weise solche, die bisher für sehr exclusiv passirten, auch orsini, wie sehr die
mauvaises langues auch über sie losziehen und spotten, trägt manches zum
Amalgamiren der deutschen und italienischen société bey. darüber ärgern
sich dann die hiesigen lions und seynwollenden conspirateurs und politi-
sche sektirer, sie bondiren und schmollen in ihrem club, welchen sie vor
wenig monathen als ein ziemlich lächerliches und armseliges Zerrbild der
londoner und Pariserklubs gestiftet haben, wobey ihnen die regierung zu
ihrem großen disappointement durchaus nichts in den Weg legte, und zu
welchem sie, was ziemlich unhöflich ist, niemanden von uns deutschen als
theilnehmer aufforderten.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien