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Tagebücher216
wig sagt, ich gäbe zu viel geld aus, und was noch andere leute meinen und
sagen, das wird mir Alles getreulich gemeldet, und ich ärgere mich oft selbst
darüber, daß mich Alles dieses verstimmt, aber es ist denn doch so, und
da sehe ich denn immer mehr ein, daß ich für unser spießbürgerliches bu-
reaukratisches leben unter den Anforderungen, welche man dabey an uns
macht, ein und für Alle mahl nicht tauge, und daher jede mühe verloren ist,
in demselben zu bleiben. niemand soll gegen seine natur anstreben. Wäre
ich nur unabhängiger durch mein vermögen gestellt, ich wüßte wohl, was
ich thäte.
und damit recht viel unangenehmes in eine möglichst kurze spanne Zeit
sich zusammendränge, hat mir auch clotilde lottum von florenz geschrie-
ben, ihr Plan und Wunsch, sich eine abgesonderte unbewachte Wohnung zu
nehmen, sey zu Wasser geworden, indem ihr onkel ihr eine bey und neben
sich arrangirt hätte, in einer Art, daß sie sie nicht wohl habe ausschlagen
können, und nun sey sie von kellnern und kammerdienern umlagert, daß es
ein gräuel sey. ich antwortete ihr dar[auf], proponirte ihr verschiedene Aus-
wege und mittel, um uns, wenn ich nach florenz käme, ungestört zu sehen,
und fragte sie zugleich ganz aufrichtig, ob sie unter diesen umständen wün-
sche, daß ich nach florenz komme oder nicht, ich erwarte nun ihre Antwort,
und so ist selbst diese fahrt, von der ich mir so viel vergnügen versprach,
nun in frage gestellt.
Auguste [horrocks] habe ich geschrieben, ihr den stand meiner Aussich-
ten mitgetheilt, ihr gesagt, daß ich sie weder in florenz noch in friaul noch
sonst wo viel würde sehen können, vu la position exceptionelle et donteuse
de la comtesse camerata, bey der sie leben würde, vis-à-vis de notre gou-
vernement, daß mein erscheinen in england im kommenden frühling zwar
nicht ganz gewiß, jedoch wahrscheinlich sey, daß aber falls die camerata sie
nicht nur auf ein Paar monathe zu sich nehmen, sondern ihr ein sort machen
wollte, ich sie bäthe, es dennoch anzunehmen, indem dieses ihr durch ihre
jetzige keinesweges beneidenswerthe ökonomische lage doppelt ernstlich
gebothen sey. so habe ich mich, wie ich glaube, auf die beste und gescheidte-
ste Art aus der Affaire gezogen.
das gesellige leben hier in mailand fängt nach und nach an lebhafter zu
werden, wir machen merklich Brèche dans la parti populaire zum großen
verdrusse einiger ultra-katzelmacher, deren es aber immer wenigere gibt.
letzthin machte ich eine glorieuse entrée im salon der gräfin somaglia, die
sehr hübsche soiréen gibt und bisher immer äußerst viel auf die sogenannte
aria Pura, d.h. entfernung aller deutschen, hielt, freylich bin ich, außer dem
erzherzoge carl ferdinand, bisher der einzige deutsche in jenem Paradies,
von damen bloß die spaur’s und die drey hofdamen, es amusirte mich sehr
letzthin, als ich mit gabrielle eintrat, die frappirten gesichter jener wenigen
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien