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Jänner 1842
ressourcen, was ich brauche, sind 40–50.000 franken aus fremder hand,
schlägt jeder andere Ausweg fehl, so tentire ich dann doch den einer unter-
stützung von seite unserer regierung und des Zollvereins. möglichkeit des
gelingens ist da, besonders bey meinen verbindungen, und im schlimmsten
falle mache ich mich bemerkbar und ziehe die Aufmerksamkeit der mächti-
gen auf mich. Zudem scheint unsere regierung wenigstens in finanzsachen
gerade jetzt eine energischere aufgeklärtere Bahn einschlagen zu wollen, Be-
weis dessen die neue organisation der Bank, die übernahme unserer kolos-
salen eisenbahnentwürfe auf staatskosten, welche gerade gegenwärtig alle
geister beschäftigt, und endlich der bevorstehende Anschluß an den deut-
schen Zollverein, welcher immer wahrscheinlicher und öffentlicher bespro-
chen wird.
im übrigen gibt es nichts interessantes, der fasching scheint lebhaft wer-
den zu wollen, den letzten Jahrestag brachte ich bey spaur zu, wo es eine
Art von thé dansant gab, etc.
florenz 17. Jänner Abends
da bin ich denn endlich. freytag den 14. früh erhielt ich von gräfin lottum
eine Antwort auf meinen letzten Brief, sie schreibt mir, sie erwarte mich
bestimmt und würde nicht vor ende Jänner florenz verlassen. ich machte
dann meine Arrangements mit spaur, hardegg für den vicekönig etc., wel-
che mir jetzt durch doppelte rücksichten gebothen waren, da mein gesuch
um Beförderung gerade jetzt im besten gange und von meinem delegaten
günstig einbegleitet bei spaur liegt, und fuhr samstag nach mitternacht von
mailand ab durch eine ungeheuere, unabsehbare schneefläche, denn es war
gerade am tage vorher sehr viel frischer schnee gefallen, welcher erst ein
paar stunden vor florenz aufhörte, und bey einem unfreundlichen, trüben
thauwetter, frühstückte sonntag morgen in Piacenza, speiste in Parma und
fuhr überhaupt, ohne mich nur irgendwo aufzuhalten, bis hieher, wo ich ge-
gen 9 uhr Abends ankam. so weit es die abscheulichen grundlosen straßen
erlauben konnten, fuhr ich ziemlich gut, namentlich der übergang der Ap-
peninnen heute früh war schwierig und unangenehm wegen der ungeheuren
menge frisch gefallenen schnees. Abentheuer gab es gar keine, ausgenom-
men zahllose Plackereyen oder vielmehr Betteleyen mit Pässen, mauthen
und Polizey an allen stadtthoren und ländergränzen, ich verwünschte
hundertmal alle die kleinen ländchen und ihre fürstchen, welche zu nichts
Anderem geschaffen sind, als die reisenden mit unendlicher Wichtigkeit zu
tode zu plagen, dann die ewigen Zankereyen mit den Postmeistern wegen
der Anzahl der Pferde etc. kurz so angenehm der Aufenthalt in italien ist, so
unangenehm ist das reisen, dabey amusirte mich aber die beständige Wuth
meines Jägers über die ewigen Betteleyen und Prellereyen, an der päbstli-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien